Viele Medienmacher:innen könnten einen Newsletter, einen Podcast oder ein anderes unabhängiges Medienprojekt starten. Sie haben eine Idee, oft sogar schon ein Publikum, und fangen trotzdem nicht an. Im Video sprechen Johannes Heim und Sebastian Esser, einer der Gründer von Steady, darüber, woran das liegt und was dagegen hilft. Beide begleiten seit Jahren Menschen, die vor genau diesem Schritt stehen.
Woher die Angst vor dem Anfangen kommt
Der klassische Satz lautet: „Bevor ich loslege, muss ich erst dies, das und jenes erledigen.“ Wer genau hinhört, merkt, dass damit alles gemeint ist außer dem ersten Schritt.
Dahinter steckt laut Sebastian meistens das Hochstapler-Syndrom. Viele Medienmacher:innen sind im Innersten überzeugt, ihr Erfolg beruhe auf einem schrecklichen Missverständnis und nicht auf Leistung, Wissen oder Talent. Sie denken: Die Leute halten mich für kompetenter, als ich bin, und wenn das eines Tages herauskommt, stehe ich als Betrüger:in da.
Das betrifft auch Menschen, die längst Erfolg haben. Johannes beschreibt sie so: Sie sehen an ihrer Leser-, Hörer- oder Zuschauerschaft, dass sie ein Publikum haben, trauen ihrem Projekt aber keinen finanziellen Erfolg zu. „Die Leute hören mir zu, aber zahlen würden sie dafür nicht“, denken sie.
Hinzu kommt ein psychologisches Problem. Wir alle veröffentlichen ständig etwas, im Netz, in sozialen Netzwerken und per E-Mail. Warum sollten ausgerechnet deine Gedanken, Recherchen und Analysen Geld wert sein, wenn es so viel umsonst gibt? Aus diesem Zweifel erwächst die erste Folge des Syndroms.
Die erste Ausgabe muss nicht perfekt sein
Sie heißt Perfektionismus. Wenn Leute schon Geld bezahlen sollen, so der Gedanke, muss es etwas Besonderes sein, am besten etwas Perfektes.
Sebastian hält dagegen, er kenne kein einziges perfektes Medienprodukt. Es gibt keinen perfekten Artikel, keine perfekte Podcast-Folge und keinen perfekten Newsletter, in der ersten Ausgabe schon gar nicht. In dein Format musst du erst hineinfinden. Deine Leser:innen suchen vor allem Authentizität, also einen Menschen hinter dem Medium, zu dem sie eine Beziehung aufbauen können, mit allen Schwächen und Fehlern. Perfektion steht dabei im Weg.
Johannes beobachtet, dass viele Medienmacher:innen mit der eigenen Arbeit viel strenger umgehen als mit der anderer. Sie hören Podcasts, sehen YouTube-Kanäle und lesen Blogs, die alle nicht perfekt sind, aber eine Sache sehr gut machen und nahbar sind. Gerade ihre Unzulänglichkeiten machen solche Projekte echt und unterscheiden sie von der klassischen Produktion für Fernsehen oder Kino.
Hilfreich ist auch eine nüchterne Frage: Wer sieht deine erste Ausgabe überhaupt? Wahrscheinlich deine engsten Freund:innen und deine Familie, ein ein- bis zweistelliger Kreis von Menschen, die du persönlich kennst. Der vermeintliche Riesenschritt ist in Wahrheit ein kleiner.
Totplanen und Aufschieben
Der Perfektionismus hat zwei Geschwister. In seiner Blaupause-Ausgabe zum Thema nennt Sebastian sie Totplanen und Aufschieben.
Totplanen. Plötzlich fehlt alles: Softwareentwickler:innen, Designer:innen, mehr Mitarbeitende, mehr Zeit, mehr Geld, mehr Wissen. Und was sollen die Leute denken, wenn es nicht so aussieht wie in deinen Träumen? Tückisch ist, dass ein Teil der Unsicherheit berechtigt ist. Baust du eine Mitgliedschaft auf, beschäftigst du dich auf einmal mit Software, Werbung und Buchhaltung statt mit Schreiben oder Sprechen, und dabei merkst du, was du noch nicht kannst. Das nährt den Perfektionismus, und der Kreislauf beginnt von vorn.
Aufschieben. Wer sich totplant, krempelt nicht die Ärmel hoch, sondern tut gar nichts. Name, Logo, Preise und Pakete wandern auf später. Erst heißt es „nächsten Monat“, dann „noch ein paar Wochen“, und am Ende ist ein Jahr vergangen. Das Nichtstun bestätigt wiederum das Gefühl, nichts zu können, und so entsteht der zweite Kreislauf.
Aus beiden kommst du heraus, wenn du an kleinen, konkreten Dingen arbeitest. Du musst nicht alles gleichzeitig lösen. Die Lektionen im College nehmen sich die Fragen nacheinander vor, zum Beispiel das Thema deines Newsletters, deine Mission oder die richtigen Preise.
Warum Warten teuer ist
„Warten ist teuer“, sagt Sebastian im Video. In der Blaupause schreibt er den Satz seiner ehemaligen Kollegin Deborah zu. Gemeint ist, dass du umso mehr Monate Geld verdienst, je früher du eine Mitgliedschaft anbietest. Anfangs ist es wenig, aber es summiert sich. Jeder Monat, den du verstreichen lässt, kommt nie wieder. „Ich hätte viel früher anfangen sollen“: Diesen Satz hört Sebastian häufig.
Außerdem zahlt niemand, wenn er zum ersten Mal von einer Mitgliedschaft hört. Die meisten müssen ein paarmal davon hören, bis sie denken: Ich höre diesen Podcast dauernd, ich könnte ihn unterstützen. Wer früh anfängt, hat mehr Gelegenheiten, die Mitgliedschaft zu erwähnen.
Johannes beschreibt eine Beobachtung, die er beinahe ein Naturgesetz nennt: Wächst dein Publikum, wächst in der Regel auch die Zahl deiner Unterstützer:innen, und zwar von selbst. Das Verhältnis zwischen Menschen, die dir folgen, und Menschen, die zahlen, ist über sehr verschiedene Projekte hinweg ähnlich. Hast du eine kritische Masse erreicht, trägt sich anteilig auch die Mitgliedschaft. Wie du diesen Anteil abschätzt, steht in Wie viel Geld kannst du mit Mitgliedschaften verdienen?.
Sebastian erzählt auch von der Kehrseite. Bei Steady hat das Team immer wieder Medienmacher:innen erlebt, deren Community nur darauf wartete, endlich zahlen zu dürfen. Trotzdem geschah nichts. Manche fingen erst an, als eine Katastrophe kam, als etwa die Werbung wegbrach oder eine Klage oder Steuernachzahlung anstand. Erst dann erlaubten sie sich, was sie für eine Schwäche gehalten hatten, nämlich ihr Publikum um Unterstützung zu bitten.
So machst du den ersten Schritt
Sebastian sagt selbst, er sei kein Therapeut und könne niemandem das Hochstapler-Syndrom ausreden. Er appelliert an die Vernunft und gibt einen Satz weiter, der nach Auskunft von Medienmacher:innen, die heute mit Steady erfolgreich sind, wichtig für ihre Laufbahn war: „Fang einfach mal an.“ Frank Joung etwa, der den Podcast Halbe Katoffl macht, sagt, dieser Satz habe ihn überzeugt, seinen Podcast zu starten. So erzählt es Sebastian in der Blaupause.
Konkret heißt das:
- Klein denken. Zeig deine erste Ausgabe zuerst Freund:innen und Familie. Am Anfang lernst du ein neues Handwerk, und dafür brauchst du kein großes Publikum.
- Klinkenputzen ist erlaubt. So wie du am Anfang Leute auf deinen Newsletter oder Podcast ansprichst, kannst du Freund:innen und Verwandten sagen, dass es jetzt eine Möglichkeit gibt, dich direkt zu unterstützen.
- Ohne Knall starten, wenn dich ein großer Auftritt lähmt. Hast du schon ein Publikum, musst du keine riesige Kampagne planen. Weise darauf hin, dass es jetzt eine bezahlte Mitgliedschaft gibt, und taste dich heran. Bist du für einen größeren Start bereit, hilft dir Wie startest du deine Mitgliedschaft?.
- Erwähne dein Angebot regelmäßig. Die meisten Menschen brauchen mehrere Hinweise.
- Keine Angst vor Kannibalisierung. Auch wenn du schon T-Shirts oder Bücher verkaufst, unterstützen dich viele Menschen lieber über ein niedrigschwelliges Angebot.
Was im schlimmsten Fall passiert
Johannes fasst die Erfahrung von Steady so zusammen: Nennenswerten Gegenwind habe man bei solchen Starts nicht erlebt. Das Schlimmste sei gewesen, dass etwas nicht funktionierte, und das war die Ausnahme. Dann passiert schlicht nichts. Du hast keinen echten Verlust und weißt hinterher mehr. Meistens hat es sich gelohnt, mal mehr, mal weniger.
Dazu kommt, dass Mitgliedschaften stetig Geld einbringen. Lesungen oder Tourneen bringen es in Schüben, andere Einnahmen können wegbrechen. Während der Corona-Zeit kamen deshalb auch Medienmacher:innen zu Steady, die vorher gesagt hatten, das sei nichts für sie.

