Lektion 13 von 13 · Mitgliedschaft aufbauen

Was ist ein Mitglied wert? So berechnest du den Customer Lifetime Value

Was ein Mitglied wert ist, bemisst sich an allem, was es über die gesamte Zeit zahlt, nicht am Monatsbeitrag. Bei Steady bleiben Mitglieder im Schnitt gut zweieinhalb Jahre (rund 30 Monate); nach Abzug von Gebühren und Steuern bringt ein Mitglied so 120 bis 150 Euro. Diesen Customer Lifetime Value berechnest du, indem du den Monatsumsatz pro Mitglied durch die Kündigungsrate teilst.

Video 20:17Lesezeit 6 Min.Mit Sebastian Esser und Gabriel YoranStand:

Beim Abspielen lädt das Video von YouTube. Dabei gelten die Datenschutzregeln von Google.Auf YouTube ansehen

Transkript lesenAutomatisch erstellt und bereinigt

0:00Warum ein Mitglied mehr wert ist als 5 Euro im Monat

Sebastian Esser: Hallo, mein Name ist Sebastian Esser, ich bin einer der Mitgründer von Steady. Heute zu Gast ist Gabriel Yoran, einer meiner Mitgründer bei Steady. Gabriel, wir wollen über Geld reden, wie meistens. Wenn ich mir überlege, dass ich als Medienmacher mit einem Mitglied im Durchschnitt 5 oder 6 Euro verdiene, klingt das nicht so toll. Was fällt dir dazu ein?

Gabriel Yoran: Hallo erst mal. Mir fällt dazu ein, dass es nicht stimmt. Denn die 5 oder 6 Euro, die du als Medienmacher verdienst, sind für einen einzigen Monat. Man muss natürlich sagen: In Wirklichkeit sind es nicht 5 oder 6 Euro, sondern weniger. Da gehen Gebühren runter, die Mehrwertsteuer geht runter, und die Zahlungskosten für PayPal oder Kreditkarte gehen runter.

Gabriel Yoran: Aber lass es 4 oder 5 Euro im Monat sein. Selbst das stimmt nicht, weil die Loyalität dieser Mitglieder so hoch ist, dass sie im Schnitt nach über zwei Jahren immer noch dabei sind. Wir reden also gar nicht von 4 oder 5 Euro im Monat, sondern von 4 oder 5 Euro mal 12 für ein Jahr und das Ganze noch mal mal zwei für mindestens zwei Jahre. Wir reden also von irgendwas um die 100 Euro, die man mit hoher Wahrscheinlichkeit sicher hat, wenn man ein neues Mitglied gewonnen hat.

Sebastian Esser: Erklär bitte noch mal, wie wir auf diese zwei Jahre kommen, also auf diese 24 Monate im Durchschnitt. Ich glaube, jede Medienmacherin und jeder Medienmacher hat schon mal erlebt, dass Leute sofort kündigen oder nach drei Monaten. Und ganz viele Leute sind noch gar nicht so lange dabei, sodass man statistisch gar nicht wissen kann, wie lange sie bleiben. Wie kommen wir also auf diese Zahl?

Gabriel Yoran: Der große Vorteil bei den Zahlen, die wir bei Steady haben, ist erstens: Wir machen das schon eine Weile. Uns gibt es seit 2017, wir können also auf ziemlich viele Jahre zurückblicken, inklusive Sondereffekten wie Covid. Und zweitens können wir über Tausende Projekte schauen, wie die sich im Schnitt verhalten.

Gabriel Yoran: Das heißt: Wenn man neu bei Steady anfängt, ist es für einen selbst vielleicht neu. Aber man ist umgeben von sehr vielen Leuten, die das schon länger machen und die bereit sind zu helfen und zu erklären, wie es funktioniert. Damit meine ich uns Mitarbeiter:innen und auch die anderen Steady-Medienmacher:innen, die man zum Beispiel im Community-Slack findet, den wir anbieten. Es geht sehr darum, sich da nicht alleine zu fühlen, auch wenn man vielleicht alleine oder in einem Team von zwei Personen vor seinem Computer sitzt und einen Newsletter oder einen Podcast macht.

3:14Was der Lifetime Value ist und was er verändert

Sebastian Esser: Ich will noch mal wiederholen, was du eben gesagt hast, weil das im Kopf ganz schön etwas ändern kann. Du sagst: Ein Mitglied ist nicht 5 Euro wert. Wenn ich ein neues Mitglied gewinne, habe ich in dem Moment nicht 5 Euro verdient. Sondern man soll den gesamten Zeitraum betrachten, den man statistisch wahrscheinlich zusammen verbringen wird, und die Gesamtsumme, die in dieser Zeit fließt. Das ist der sogenannte Lifetime Value, richtig?

Gabriel Yoran: Genau, das ist der Lifetime Value oder Customer Lifetime Value, LTV oder CLTV. Das ist eine Kennzahl, die man im Kopf haben sollte, wenn man in irgendeiner Weise geschäftlich tätig ist. Denn sie verändert die Perspektive auf den einzelnen Kunden, die einzelne Kundin komplett.

Gabriel Yoran: Wenn du weißt, dass die Person, die gerade eine Mitgliedschaft abgeschlossen hat, dir nicht 5 Euro, sondern 100 Euro in die Hand drückt, dann ändert das psychologisch etwas in deinem Kopf. Du denkst, glaube ich, anders darüber nach, was deine Leser:innen, Zuhörer:innen und Zuschauer:innen in dir sehen, welchen Wert du für sie gestiftet hast und welchen Wert du ihrer Erwartung nach in Zukunft für sie stiften wirst.

Gabriel Yoran: Es hat aber noch einen anderen Zweck, nämlich einen betriebswirtschaftlichen. Wenn ich weiß, dass eine Kundin oder ein Kunde einen Wert von, sagen wir, 100 Euro mitbringt, dann ändert das die Menge an Geld, die ich theoretisch ausgeben kann, um eine neue Kundin oder einen neuen Kunden zu gewinnen. Für den Fall, dass deine Kundin oder dein Kunde 100 Euro Lifetime Value hat, sagt die Daumenregel: Du kannst 25 bis 30 Euro ausgeben, um diese Kundin oder diesen Kunden zu gewinnen.

Gabriel Yoran: Das geht natürlich in manchen Geschäften leichter als in anderen. Wenn du etwas verkaufst, wonach die Leute googeln, dann kannst du Werbung bei Google schalten und sagen: Okay, ich kann maximal 30 Euro für einen neuen Kunden oder eine neue Kundin ausgeben. Bei einem Newsletter ist das deutlich schwieriger, aber nicht unmöglich. Man müsste es dann ausprobieren. Und dann weiß man auch: Ich kann theoretisch meinen Mitgliedern, die ich schon habe, sagen: Wenn ihr mir ein neues Mitglied bringt, ist mir das 25 Euro wert, ich überweise euch dann 25 Euro. Es wäre immer noch ein vernünftiges Geschäft.

Gabriel Yoran: Es ändert also, wie du über deine Kundinnen und Kunden denkst. Es ändert aber auch, wie du über die Gewinnung neuer Kundinnen und Kunden nachdenkst.

6:30Anzeigen, langer Atem und der Trichter

Sebastian Esser: Anders formuliert: Würdest du empfehlen, 25 Euro in die Hand zu nehmen, Google- oder Facebook-Anzeigen zu schalten, „Werde bitte Mitglied bei meiner Publikation“ hineinzuschreiben und das systematisch zu betreiben?

Gabriel Yoran: Ich würde es zumindest ausprobieren. Aber man muss dabei einen relativ langen Atem mitbringen. Denn üblicherweise ist es nicht so, dass jemand dich ganz neu kennenlernt, deinen Newsletter zum ersten Mal sieht und sofort sagt: Oh ja, dafür muss ich jetzt bezahlen. Meist besteht schon eine längere Beziehung zwischen dir und deinen Leser:innen oder Zuhörer:innen. Die führt dazu, dass diese Community, dieses Publikum ab einem gewissen Punkt sagt: Okay, jetzt möchte ich dafür bezahlen, das ist es mir wert.

Gabriel Yoran: Und das machen sie auch nicht von alleine. Du musst sie daran erinnern. Du musst regelmäßig sagen, dass man deinen Newsletter, deine Publikation, dein Medium auch bezahlen kann. Da greifen sehr viele Schritte ineinander. Den Weg von „jemand kennt dich noch gar nicht“ bis „die Person zahlt dir regelmäßig 5 oder 6 Euro im Monat“ muss man sich wie einen Trichter vorstellen: Oben kommt sehr viel rein, dann wird es immer weniger, und am Ende bleiben die übrig, die dafür auch zahlen.

Im Marketing heißt das tatsächlich auch Funnel, also Trichter. Oben geht viel rein, also alle, die sich theoretisch für das interessieren könnten, worüber du schreibst und worum es in deinem Medium geht. Ganz unten stehen die, die dann tatsächlich dafür bezahlen. Und oft mangelt es den Medienmacher:innen daran, dass oben zu wenig reinkommt.

Sie haben gar nicht so sehr das Problem, dass von denen, die zum Beispiel regelmäßig einen Newsletter lesen, am Ende im Schnitt 5 Prozent regelmäßig dafür bezahlen. Das ist ziemlich konsistent über die meisten Steady-Projekte. Aber das ist, wenn du dir den Trichter vorstellst, ganz unten, kurz vor dem Kauf. Das viel größere und viel schmerzhaftere Problem ist für viele Medienmacher:innen, dass oben zu wenig reinkommt. Zu wenige Leute wissen überhaupt von dem Newsletter. Und wenn niemand Neues dazukommt: 5 Prozent von niemand Neuem ist …

… nichts. Da kann nichts konvertieren, weil du deine 5 Prozent schon ausgeschöpft hast.

Genau. Und eine Frage, mit der wir bei Steady seit Jahren immer wieder konfrontiert werden: Du hast als Medienmacher nach ein paar Wochen gemerkt, okay, ich habe hier etwas, wofür Leute bezahlen. Das sind jetzt, sagen wir, 400 oder 500 Euro im Monat, vielleicht 100 Leute, die 5 Euro zahlen. Dann haben viele Blut geleckt und denken sich: Wenn 500 gehen, was mehr als nur ein nettes Zubrot ist, gehen vielleicht auch 1.000, vielleicht auch 2.000. Das kommt einem unter Umständen sehr zufällig vor. Warum sind es jetzt 500 Euro? Warum nicht 200, warum nicht 2.000? Es könnte auch anders sein.

Eine gute Maßnahme, um diese Zahl nach oben zu treiben, ist, dafür zu sorgen, dass mehr Leute überhaupt von deinem Newsletter Kenntnis nehmen. Das ist ein Langfristprojekt. Das erleben wir auch immer wieder: Es ist ein frustrierender Prozess, weil du erst mal wieder von null anfängst. Du musst ein paar Monate Vertrauen aufbauen und überhaupt etablieren, dass die Leute am Ball bleiben und dich regelmäßig nutzen. Und wenn man unterwegs aufgibt, wird es trotzdem nichts mit der Reichweite. Das ist schon ein Long Game.

11:12Empfehlungen, Linktausch und bezahlte Reichweite

Gabriel Yoran: Genau, es ist ein Long Game. Aber es lohnt sich, sich mit der Frage zu beschäftigen: An welcher Stelle in diesem Trichter habe ich eigentlich ein Problem? Habe ich ein Problem damit, dass mich viele Leute lesen, aber wenige bezahlen? Das ist relativ selten, jedenfalls bei Steady. Meist besteht schon ein so gutes Verhältnis zwischen der Community und den Medienmacher:innen, dass diese 5 Prozent fast immer erreicht werden, die dann regelmäßig dafür bezahlen. Lass es 4 oder 6 sein, aber ungefähr stimmt das.

Gabriel Yoran: Die andere Baustelle ist schwieriger. Wir bieten da jetzt Hilfe an, durch Empfehlungsfunktionen. Wir empfehlen Personen, die Newsletter auf Steady lesen, andere Newsletter. Wir wissen aus unseren Daten: Wer sich für diesen Newsletter interessiert, interessiert sich womöglich auch für jenen. Auf diese Weise haben schon viele Steady-Medienmacher:innen neue Leser:innen gewonnen, die sie sonst nicht gewonnen hätten. Das ist super, aber da ist immer noch Handarbeit gefragt.

Gabriel Yoran: Eine Möglichkeit, mit der ich ganz gute Erfahrungen habe: Man versucht, mit anderen Autor:innen von Newslettern eine Art Linktausch oder gegenseitige Empfehlung zu machen. Ich schreibe zum Beispiel einen Newsletter über Thema X. Ich weiß oder nehme an: Wer sich für Thema X interessiert, interessiert sich vielleicht auch für Thema Y. Dann spreche ich die Autor:innen des Newsletters zu diesem anderen Thema an und sage: Hey, wie wäre es, wenn ich deinen Newsletter in meinem empfehle und du meinen in deinem? Das kann schon reichen. Manchmal ist die thematische Nähe da oder Sympathie, und plötzlich hat man ein paar Leser:innen mehr.

Gabriel Yoran: Oder man hilft mit Geld nach. Da wir jetzt wissen, dass man gut und gerne 25 oder 30 Euro ausgeben kann, um ein neues zahlendes Mitglied zu gewinnen, kann man anfangen, damit herumzuprobieren. Vielleicht muss man gar nicht so viel zahlen, aber man könnte. Man hat dann ein Angebot in der Hinterhand, das nicht ganz schlecht ist. Wie man es genau ausgestaltet, hängt von der jeweiligen Verhandlungssituation ab.

Gabriel Yoran: Aber daran zu arbeiten, dass möglichst viele neue Leser:innen und Zuhörer:innen dazukommen, damit sie überhaupt eine Chance haben, zahlende Mitglieder zu werden, lohnt sich. Das sieht man auch daran, dass das in Amerika gerade ganz aktiv betrieben wird und dort ein richtiger Markt für Empfehlungen entsteht. Ich bin nicht sicher, ob das in Deutschland auch so kommt und ob das überhaupt erstrebenswert ist. Aber ich kann nur sagen: Es funktioniert.

Sebastian Esser: Es klingt im ersten Moment ein bisschen verrückt, dass ich als kleiner Newsletter, Blog oder Podcast anfangen soll, Reichweite einzukaufen, obwohl ich selbst noch recht wenig Umsatz habe. Aber ganz viele Leute machen das erfolgreich.

14:45So berechnest du den Lifetime Value

Sebastian Esser: Ich würde dich zum Schluss gerne noch fragen: Wenn ich wissen will, wie hoch der Lifetime Value bei meiner Publikation ganz konkret ist, wenn ich mir also nicht nur einen groben Wert merken, sondern es für mich genau wissen will: Wie kriege ich das raus?

Gabriel Yoran: Da gibt es eine einfache Formel. Im Wesentlichen sagt sie: Du teilst den Umsatz, den du mit einem deiner zahlenden Mitglieder machst, durch den Churn. Das ist die Wahrscheinlichkeit, mit der dir dieser zahlende Kunde oder diese zahlende Kundin wieder abhandenkommt. Du musst also ungefähr wissen, wie lange diese Person dabei ist. Bei Steady wissen wir: Im Schnitt kann man von 26 bis 28 Monaten ausgehen. Und dann muss man natürlich noch berücksichtigen, dass die Leute idealerweise keine Monatsmitgliedschaft, sondern eine Jahresmitgliedschaft abschließen.

Wir versuchen natürlich immer, lieber Jahres- als Monatsmitgliedschaften zu verkaufen. Erstens, weil dann mehr bei den Medienmacher:innen hängen bleibt, schlicht und ergreifend, weil die Zahlungskosten nur einmal fällig werden und nicht zwölfmal. Das sind nämlich manchmal Sockelbeträge und nicht nur ein Prozentsatz vom Umsatz. Das ist wichtig.

Und der Lifetime Value wird natürlich exponentiell oder quadratisch größer, wenn man eine höhere monatliche oder jährliche Summe nimmt. Es macht einen riesigen Unterschied, ob ich 6 oder 7 Euro im Monat aufrufe, weil es tatsächlich 6 mal 26 ist oder 7 mal 26. Und es gibt die generelle Tendenz durch alle Steady-Projekte hinweg, dass sie alle zu billig sind.

Jetzt fragt man sich natürlich: Wie kann das sein, woher wissen wir das? Wir machen Untersuchungen über die Zahlungsbereitschaft von Mitgliedern bei Steady-Projekten, oft auch auf Wunsch der Medienmacher:innen, bevor es richtig losgeht und sie ihr Projekt starten. Und oft ist die Erkenntnis: Man könnte einen höheren Preis nehmen. Das führt aber nicht immer dazu, dass dieser höhere Preis auch wirklich gewählt wird. Dann nimmt man irgendwas, womit man sich gut fühlt. Aber über das ganze Thema Pricing gibt es auch noch eigene Videos.

Das ist wirklich super wichtig, das ist ein Riesenthema.

17:46Lifetime Value im Dashboard und der Wert einer E-Mail-Adresse

Wir sollten noch kurz erwähnen: Wer bereits Steady-Medienmacher:in ist, kann den Lifetime Value im Dashboard nachschauen. Wenn man ihn nicht ausrechnen möchte, was auch nicht schwierig ist – im Netz gibt es jede Menge Rechner –, kann man ihn im Steady-Dashboard nachgucken. Bei meinem Newsletter zum Beispiel ist er, glaube ich, über 20.000 Euro. Darüber bin ich sehr froh und auch sehr beeindruckt. Und es hat wirklich ein bisschen die Denke geändert.

Man kann das Ganze auch noch auf die Spitze treiben. Man kann überlegen: Wenn ich einen Lifetime Value von X habe, kann ich auch ausrechnen, wie viele Newsletter-Abonnent:innen ich brauche, um auf eine Konversion zu kommen. Und dann kann ich wiederum auf einen neuen Abonnenten einen Lifetime Value anwenden. Bei mir ist es so etwas wie 8 Euro. Das heißt, für eine E-Mail-Adresse kann ich theoretisch bis zu 8 Euro ausgeben. Mache ich natürlich nicht, aber das Ganze verändert wirklich die Denke.

Sebastian Esser: Danke, Gabriel, dass du uns da eingeführt hast. Man merkt, glaube ich, dass wir beide uns da beliebig reinnerden können. Das muss jetzt nicht jede Medienmacherin und jeder Medienmacher machen. Aber es lohnt sich auf jeden Fall, sich solche Sachen klarzumachen. Hast du noch abschließende Worte, oder sollen wir zur nächsten Lektion übergehen?

Gabriel Yoran: Eigentlich nur: Wenn man das einmal gelernt hat, wenn man das auf dem Schirm hat, ist das eine Art von Wissen, hinter die man nicht mehr zurückkann. Das vergisst man nicht mehr. Dann versteht man auch, wie Autoverkäufer:innen ticken. Dann versteht man, warum Starbucks an so vielen Ecken Filialen aufmacht. All diese Unternehmen, die das hochprofessionell betreiben, wissen genau, wie viele Tausend Euro ein einziger neuer Kunde, eine einzige neue Kundin wert ist, und richten alles danach aus. Im Kleinen wie im Großen versteht man sehr viel besser, wie Marketing und Kundengewinnung funktionieren, wenn man diesen Mechanismus im Kopf hat. Das hilft einem im Großen und ganz konkret auch beim eigenen Projekt.

Das Wichtigste in Kürze

  1. Rechne mit dem Wert eines Mitglieds über die gesamte Laufzeit, nicht mit seinem Monatsbeitrag.
  2. Mitglieder bleiben bei Steady im Schnitt gut zweieinhalb Jahre (rund 30 Monate); nach Abzug von Gebühren und Steuern ist ein Mitglied so 120 bis 150 Euro wert.
  3. Faustregel: Bei 100 Euro Lifetime Value kannst du 25 bis 30 Euro ausgeben, um ein neues Mitglied zu gewinnen.
  4. Meist zahlen rund 5 Prozent deiner regelmäßigen Leser:innen; häufiger hapert es daran, dass oben im Trichter zu wenige Neue ankommen.
  5. Ein Euro mehr im Monat wirkt über die ganze Laufzeit: Bei 30 Monaten sind das 30 Euro mehr pro Mitglied.

Ein neues Mitglied zahlt dir 5 oder 6 Euro im Monat. Das klingt nach wenig, doch die Rechnung greift zu kurz. Im Video sprechen die Steady-Mitgründer Sebastian Esser und Gabriel Yoran darüber, was ein Mitglied tatsächlich wert ist, wie du den Customer Lifetime Value berechnest und was das für deine Arbeit ändert.

Ein Mitglied ist mehr als 100 Euro wert

Zieh vom Monatsbeitrag zuerst ab, was nicht bei dir ankommt: die Mehrwertsteuer, die Zahlungskosten für PayPal oder Kreditkarte und die Steady-Gebühr. Von 5 oder 6 Euro bleiben so etwa 4 bis 5 Euro.

Mitglieder bleiben aber lange. Über alle Steady-Projekte hinweg sind sie im Schnitt gut zweieinhalb Jahre dabei, also rund 30 Monate. Daraus ergibt sich:

  • 4 bis 5 Euro im Monat
  • × rund 30 Monate
  • = 120 bis 150 Euro

Gabriel rechnet im Video vorsichtiger mit mindestens zwei Jahren und kommt auf rund 100 Euro. Mit dieser runden Zahl rechnet die Lektion weiter. Sie ist eine sichere Untergrenze, denn diese Summe nimmst du mit hoher Wahrscheinlichkeit ein, sobald du ein neues Mitglied gewinnst. Ein Mitglied ist also mindestens 100 Euro wert, nicht 5.

Einzelne Erfahrungen täuschen hier leicht. Alle Medienmacher:innen kennen Mitglieder, die sofort oder nach drei Monaten kündigen, und wer gerade erst startet, hat noch keine Erfahrungswerte. Steady dagegen kann auf Daten seit 2017 zurückgreifen, einschließlich Sondereffekten wie Covid, und über Tausende Projekte blicken. Im Schnitt kündigen rund 3 Prozent der Mitglieder pro Monat. Daraus ergibt sich die durchschnittliche Dauer von rund 30 Monaten.

So berechnest du den Customer Lifetime Value

Die Summe, die ein Mitglied über die gesamte Zeit zahlt, heißt Customer Lifetime Value, kurz LTV oder CLTV. Gabriel nennt dafür eine kurze Formel:

Lifetime Value = Umsatz pro Mitglied und Monat ÷ monatliche Kündigungsrate (Churn)

Der Churn ist die Wahrscheinlichkeit, mit der dir ein zahlendes Mitglied wieder verloren geht. In der Praxis musst du nur ungefähr wissen, wie lange ein Mitglied bleibt, und multiplizierst den Netto-Monatsbeitrag mit der durchschnittlichen Dauer in Monaten.

Selbst ausrechnen musst du das nicht unbedingt, im Netz gibt es viele Rechner dafür. Bist du schon auf Steady, siehst du deinen Lifetime Value im Dashboard.

Jahresmitgliedschaften erhöhen den Wert zusätzlich. Bei ihnen fallen die Zahlungskosten einmal an statt zwölfmal, und weil diese Kosten zum Teil aus festen Sockelbeträgen bestehen, unabhängig vom Umsatz, bleibt bei Jahresmitgliedschaften mehr bei dir.

Warum ein Euro mehr so viel ausmacht

Der Preis wirkt über die ganze Laufzeit. Ob du 6 oder 7 Euro im Monat verlangst, macht deshalb einen großen Unterschied:

Preis pro Monat Dauer Summe pro Mitglied
6 Euro 30 Monate 180 Euro
7 Euro 30 Monate 210 Euro

Ein Euro mehr im Monat bringt dir also 30 Euro mehr pro Mitglied.

Im Video heißt es dazu unumwunden, die Preise seien über alle Steady-Projekte hinweg eher zu niedrig. Steady untersucht die Zahlungsbereitschaft von Mitgliedern, oft schon vor dem Start eines Projekts, und häufig zeigt sich, dass ein höherer Preis möglich wäre. Gewählt wird dann trotzdem oft ein Preis, bei dem man sich wohlfühlt. Wie du einen passenden Preis findest, steht in Was sind die richtigen Preise für Mitgliedschaften?.

Was du für ein neues Mitglied ausgeben kannst

Der Lifetime Value verändert deinen Blick in zweierlei Hinsicht.

Psychologisch. Wer eine Mitgliedschaft abschließt, drückt dir nicht 5 Euro in die Hand, sondern 100 oder mehr. Das zeigt dir, welchen Wert deine Leser:innen, Hörer:innen und Zuschauer:innen in deiner Arbeit sehen und welchen sie sich von dir für die Zukunft versprechen.

Betriebswirtschaftlich. Du weißt jetzt, wie viel Geld du ausgeben kannst, um ein neues Mitglied zu gewinnen. Die Faustregel lautet: Bei 100 Euro Lifetime Value sind 25 bis 30 Euro pro neuem Mitglied ein vernünftiges Geschäft.

Dafür gibt es mehrere Wege:

  • Anzeigen. Bei Google, Facebook und anderen ist das für einen Newsletter schwieriger als für ein Produkt, nach dem Leute suchen, aber nicht unmöglich. Gabriel rät, es auszuprobieren.
  • Prämien für Mitglieder. Du könntest deinen Mitgliedern sagen: Wer mir ein neues Mitglied bringt, bekommt 25 Euro. Das wäre immer noch ein vernünftiges Geschäft.
  • Gegenseitige Empfehlungen. Du schreibst über Thema X und nimmst an, dass sich deine Leser:innen auch für Thema Y interessieren. Dann frag die Autor:innen eines Newsletters zu Thema Y, ob ihr euch gegenseitig empfehlt. Manchmal reichen thematische Nähe und Sympathie. Wenn nicht, kannst du mit Geld nachhelfen. Wie viel dir ein neues Mitglied wert ist, weißt du jetzt.

Dazu kommt die Funktion „Empfehlungen“ von Steady, mit der sich Publikationen auf Steady gegenseitig empfehlen. Viele Medienmacher:innen haben so schon neue Leser:innen gewonnen.

Reichweite einzukaufen, obwohl du selbst noch wenig Umsatz machst, klingt zunächst verrückt, doch viele tun es mit Erfolg. In den USA ist rund um Newsletter-Empfehlungen schon ein regelrechter Markt entstanden.

Du brauchst dabei einen langen Atem. Kaum jemand liest deinen Newsletter zum ersten Mal und zahlt sofort; meist muss erst eine Beziehung wachsen. Auch dann zahlen die Leute nicht von allein, du musst sie regelmäßig daran erinnern, dass sie dich unterstützen können. Wie das geht, steht in Wie gewinnst du mit einer Membership-Kampagne zahlende Mitglieder?.

Wo dein Trichter klemmt

Stell dir den Weg zur Mitgliedschaft als Trichter vor, im Marketing Funnel genannt. Oben kommen alle hinein, die sich für dein Thema interessieren könnten. Unten bleiben die übrig, die zahlen.

Unten läuft es bei Steady-Projekten meist gut. Als Faustregel werden rund 5 Prozent der regelmäßigen Leser:innen zahlende Mitglieder, manchmal 4, manchmal 6 Prozent. Laut Video ist dieser Anteil bei den meisten Projekten ziemlich beständig.

Das größere Problem liegt oben, denn zu wenige Menschen wissen überhaupt von deinem Newsletter. Ein typisches Beispiel aus dem Video: Nach ein paar Wochen zahlen 100 Leute je 5 Euro, also 500 Euro im Monat, und du fragst dich, ob auch 1.000 oder 2.000 Euro drin wären. Kommen kaum Neue hinzu, hast du deine 5 Prozent ausgeschöpft, und mehr Umsatz kommt vor allem über mehr Reichweite. Das ist eine Aufgabe auf lange Sicht, bei der du erst Vertrauen aufbauen musst. Wer unterwegs aufgibt, kommt nicht weiter. Ob dein Projekt genug Potenzial hat, prüfst du in Hat dein Projekt Potenzial für eine Mitgliedschaft?.

Du kannst den Gedanken weiterdrehen und fragen, was eine einzelne E-Mail-Adresse wert ist. Dafür multiplizierst du den Lifetime Value mit dem Anteil, der zahlt. Bei 100 Euro und 5 Prozent sind das 5 Euro pro Adresse; im Video fällt für einen Newsletter ein Wert von rund 8 Euro. So viel könntest du theoretisch für eine neue Adresse ausgeben.

Gabriel meint, wer dieses Wissen einmal habe, vergesse es nicht mehr. Man versteht dann, wie Autoverkäufer:innen denken und warum Starbucks an so vielen Ecken Filialen eröffnet. Solche Unternehmen wissen genau, wie viel ein neuer Kunde wert ist, und richten alles danach aus. Mit dem Lifetime Value im Kopf kannst du das für dein eigenes Projekt auch.

Häufige Fragen

Was ist der Customer Lifetime Value?

Der Customer Lifetime Value, kurz LTV oder CLTV, ist die Summe, die dir jemand über die gesamte Dauer einer Kundenbeziehung oder Mitgliedschaft zahlt. Bei Mitgliedschaften zählt also der Beitrag über die ganze Dauer, nicht der einzelne Monatsbeitrag.

Wie berechne ich den Customer Lifetime Value?

Teile den Umsatz, den du im Monat mit einem zahlenden Mitglied machst, durch die monatliche Kündigungsrate (Churn). Praktisch multiplizierst du den Netto-Monatsbeitrag mit der durchschnittlichen Dauer der Mitgliedschaft in Monaten. Auf Steady findest du den Wert auch in deinem Dashboard.

Wie lange bleiben Mitglieder im Durchschnitt?

Über alle Steady-Projekte hinweg bleiben Mitglieder im Schnitt gut zweieinhalb Jahre, also rund 30 Monate. Das entspricht einer Kündigungsrate von rund 3 Prozent im Monat. Einzelne Kündigungen nach wenigen Monaten gibt es trotzdem.

Wie viel darf ich ausgeben, um ein neues Mitglied zu gewinnen?

Als Faustregel gilt: Bei einem Lifetime Value von 100 Euro sind 25 bis 30 Euro pro neuem Mitglied ein vernünftiges Geschäft. Das Geld kann in Anzeigen fließen, in gegenseitige Empfehlungen mit anderen Newslettern oder in eine Prämie für Mitglieder, die neue Mitglieder werben.

Was ist ein Newsletter-Abonnent wert?

Multipliziere deinen Lifetime Value mit dem Anteil der Abonnent:innen, die zahlende Mitglieder werden. Bei 100 Euro Lifetime Value und 5 Prozent Konversion sind das 5 Euro pro E-Mail-Adresse. Im Video fällt als Beispiel ein Wert von rund 8 Euro.

Passt dazu

Coach

Sebastian Esser

Gründer von Steady

Sebastian hat Krautreporter mitgegründet, das Magazin, das von seinen Mitgliedern finanziert wird, und schreibt den Newsletter Blaupause. Im College erklärt Sebastian, wie Mitgliedschaften funktionieren.

Coach

Gabriel Yoran

Mitgründer von Steady

Gabriel hat Steady mitgegründet und schreibt den Newsletter „Schleichwege zur Klassik“, aus dem 2024 ein Buch wurde. Im College erklärt Gabriel, wie Kampagnen gelingen und was ein Mitglied wert ist.