Eine starke Mission allein bringt Menschen nicht dazu, für deine Publikation zu zahlen. Sie müssen auch einen persönlichen Nutzen sehen. Dieser Nutzen ist dein Alleinstellungsmerkmal, also das, was dein Medium im Leben deiner Leser:innen verändert. Im Gespräch mit Justus Mache erklärt Sebastian Esser, wie du es findest und in ein klares Versprechen fasst.
Mitgliedschaften brauchen Mission und Nutzen
Erfolgreiche Mitgliedschaften stehen auf zwei Beinen. Das erste ist die Mission, denn eine Community braucht etwas, das sie verbindet, eine Überzeugung oder ein großes Projekt. Wie du deine Mission formulierst, steht in der Lektion zum Wozu.
Die Mission allein ist aber noch kein Produkt, und für sie allein fängt niemand an zu zahlen. Das zweite Bein ist der Nutzen für jedes einzelne Mitglied. Erst wenn beides da ist, sind Menschen bereit, Geld zu geben.
Bei klassischen Abos zählt nur der Nutzen. Wer Spotify abonniert, bekommt die Musik der ganzen Welt; welche Mission Spotify hat, spielt dabei keine Rolle. Wer Fußball sehen will, bucht den Sender mit den Rechten, ob Sky oder DAZN. So etwas können unabhängige Medien nicht bieten, sie kaufen keine Fußballrechte ein. Allein auf den Nutzen zu setzen, klappt bei ihnen deshalb selten. Aus Community und Nutzen zusammen lässt sich aber ein Produkt bauen, für das Menschen zahlen. Wie Mitgliedschaften grundsätzlich funktionieren, erklärt die Lektion zum Membership-Modell.
Lösungen auf der Suche nach einem Problem
Ihre Mission können viele Medienmacher:innen gut formulieren; einen Grund, mit dem Veröffentlichen anzufangen, gibt es immer. Schwerer fällt es, den Nutzen zu benennen. Heraus kommen dann oft Lösungen auf der Suche nach einem Problem, Projekte mit viel Herzblut und hoher Qualität. Nur kann man sich kaum jemanden vorstellen, der sie im Alltag braucht.
Das ist bitter. Du startest voller Überzeugung und merkst dann, dass sich außer dir kaum jemand für dein Projekt interessiert, obwohl sich viele Menschen für dein Thema interessieren. Sebastian nennt ein Beispiel. Viele Frauen bezeichnen sich als Feministinnen, und trotzdem trägt nicht jeder Podcast über Feminismus. Es gibt schon viele Angebote, manche besser, manche mit bekannteren Macherinnen.
Zu fragen ist also, was dein Produkt im Leben deiner Nutzer:innen besser macht. Das Wort Nutzer:in sagt es schon: Ein Medium ist dazu da, ein Bedürfnis zu stillen, etwa nach Information oder Unterhaltung. Welches Bedürfnis du stillst, ist der Kern deines Alleinstellungsmerkmals.
Jobs to be done: Wofür heuern dich deine Mitglieder an?
Mit dem Begriff Problem kommt man beim Nachdenken oft nicht weit. Sebastian empfiehlt das Denkmodell Jobs to be done. Es fragt nach der Aufgabe, die jemand in seinem Leben erledigt haben will, eben dem Job. Auf deine Publikation übertragen heißt das: Wofür heuern dich deine Mitglieder an und bezahlen dich regelmäßig?
Das klassische Beispiel ist die Bohrmaschine. Wer sagt „Ich brauche eine Bohrmaschine“, braucht in Wahrheit ein Loch, und zwar ein sauberes, das die Wand nicht beschädigt. Eine Ebene tiefer zeigt sich, dass das Loch für ein Bild im Wohnzimmer gedacht ist. Und das Bild soll dort hängen, damit man sich darüber freut.
Frag bei deinem Thema ebenso hartnäckig nach, was dahintersteckt. Kaum jemand liest einen Newsletter über Feminismus, weil ihm Informationen fehlen; davon gibt es genug. Der Grund liegt tiefer, und den suchst du.
Beispiel Krautreporter: zwei Jahre bis zum richtigen Satz
Wie lange das dauern kann, weiß Sebastian aus eigener Erfahrung. Er hat 2014 das Magazin Krautreporter mitgegründet, finanziert durch ein großes Crowdfunding. Es sollte Journalismus ohne Clickbait werden, an dem sich die Mitglieder stark beteiligen.
| Phase | Botschaft | Ergebnis |
|---|---|---|
| Crowdfunding 2014 | „Der Online-Journalismus ist kaputt.“ / „Wir kriegen das wieder hin.“ | Eine Mission, die viele angesprochen hat. Ein Problem, das Leute jeden Tag gelöst haben wollen, war es nicht. |
| Danach | „Zeit für Journalismus“ | Die Annahme, Leute wollten in Ruhe aufwendige Reportagen lesen, trug nicht lange. |
| Fast zwei Jahre nach der Gründung | „Verstehe die Zusammenhänge“ | Endlich ein Problem, das Leute gelöst haben wollen. Inzwischen ist es ein früherer Claim. |
Hinter dem dritten Satz steckt ein echtes Problem. Viele fühlen sich von Informationen und Social Feeds überflutet, verlieren den Überblick und halten sich bei den großen Fragen für schlecht informiert. Noch tiefer liegt der Wunsch nach Kontrolle, danach, die Welt wieder zu fassen und besser zu verstehen. Auf dem Weg dorthin wäre Krautreporter fast pleitegegangen. Ein Alleinstellungsmerkmal findet man selten schnell.
Warum du deine Leser:innen hier nicht fragen solltest
An dieser Stelle starten viele eine Umfrage. Sebastian rät davon ab, aber nur hier; sonst ist es immer gut, mit deiner Community zu reden. Fragst du jedoch, was in deinem neuen Newsletter über Feminismus stehen soll, geht das schief. Sebastian erinnert an einen bekannten Satz, der Henry Ford zugeschrieben wird, aber nicht belegt ist: Hätte er die Leute gefragt, was sie wollen, hätten sie sich schnellere Pferde gewünscht. Ein überzeugendes neues Produkt entsteht aus deiner kreativen Leistung, nicht aus einer Wunschliste.
Bei anderen Fragen sieht es anders aus. Um den Preis deiner Mitgliedschaft festzulegen, hilft eine Umfrage sehr; mehr dazu in der Lektion Preise festlegen.
Auch aufwendige Personas, also ausgearbeitete Steckbriefe idealer Leser:innen, hält Sebastian bei den meisten Neugründungen für übertrieben. Für einen Podcast, einen Blog oder einen Newsletter genügt ein Zettel.
In drei Schritten zu deinem Versprechen
Stell dir eine Person vor, die deine ideale Leserin oder dein idealer Leser sein könnte, etwa einen Freund, eine Verwandte oder einen Kollegen. Nimm einen Zettel und arbeite drei Schritte durch; bei jedem notierst du drei Punkte.
- Ziele aufschreiben. Welche Veränderung wünscht sich diese Person? Sie steht an Punkt A und will mit deiner Hilfe zu Punkt B. Hilfreich sind Satzanfänge wie „Ich will X erreichen“, „Ich will in Y besser werden“, „Ich will aufhören, Z zu tun.“ Solche Ziele sind persönlich und motivieren.
- Frustrationen sammeln. Was stört diese Person heute? „Ich bin frustriert von …“, „Ich bin enttäuscht von …“, „Ich habe schon X probiert, aber ich scheitere immer wieder, weil …“.
- Das Versprechen formulieren. Gieß die Lösung in einen Lückentext: „In [Name und Format deiner Publikation] erfährst du [Inhalt]. Das führt zu [nützliche Veränderung in deinem Leben].“
Auf den dritten Teil des Satzes kommt es an. Er beschreibt den Job, für den dich deine Mitglieder anheuern, und damit das Produkt, das du vermarktest.
Ein Beispiel aus dem Video: Ein Newsletter, der sich nur über das Thema Dating beschreibt, verspricht keine Veränderung. Besser wäre „Ein Newsletter für alle, die vom Dating genug haben und bereit sind für eine langfristige Beziehung.“ Viele Medienmacher:innen, die zu Steady kommen, beginnen mit Beschreibungen wie „Magazin für Fußballkultur“ oder „Magazin für Buchkultur“. Damit ist ein Produkt beschrieben, aber kein Problem.
Hier liegt der Unterschied zwischen einem Medium, für das Menschen zahlen, und einem, das sie nebenbei mitnehmen. „Wir liefern dir jede Woche ein Magazin“ reicht nicht; sag, warum es darauf ankommt. Steht dein Versprechen, kannst du daraus passende Gegenleistungen für deine Mitglieder ableiten.

