Fallstudie · Magazin

Wofür die Leser:innen des Missy Magazine online bezahlen

Das Missy Magazine ist ein feministisches Printmagazin, das über Steady ein Online-Abo verkauft, ohne es zu bewerben. Viele Abonnent:innen zahlen vor allem, um unabhängigen feministischen Journalismus zu unterstützen; das Magazin nutzt Steady deshalb als ständiges Crowdfunding. Als zu Beginn der Pandemie der Kioskverkauf wegfiel, verkaufte Missy sein Heft mit einer Kampagne selbst.

Mit Ulla Heinrich (Geschäftsführerin) · Video 36:38 · Als Podcast hören

Exemplare Auflage (Stand Ende 2021)
40.000
Online-Abonnent:innen über Steady, ohne Werbung (Stand Ende 2021)
890
Artikel, die Mitglieder online lesen können (Stand Ende 2021)
3.000
Preis des Online-Abos im Vergleich zum Print-Abo (Stand Ende 2021)
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0:00Vom Jugendkulturfestival zur Geschäftsführung

Kai: Damit fange ich jetzt an. Die Aufzeichnung wird später irgendwann beendet, und dann können wir sozusagen unter vier Augen reden. Aber zuerst das erste Stück. Und falls ihr Sessions von heute Vormittag verpasst habt: Davon wird es auch eine Aufzeichnung geben, die wir veröffentlichen. Jetzt freue ich mich erst einmal ganz, ganz besonders, dass Ulla bei uns ist. Ulla ist Geschäftsführerin beim Missy Magazine, und wir kennen uns schon ein bisschen länger, weil wir früher einmal zusammen ein Jugendkulturfestival organisiert haben. Da kommst du ja auch so ein bisschen her, aus der Kulturszene.

Ulla Heinrich: Ja, kleine Reunion.

Kai: Deshalb freue ich mich natürlich ganz besonders, aber auch, weil das Missy Magazine natürlich eines unserer absoluten Lieblings-Steadys ist.

Ulla Heinrich: Das sagt ihr eh alle.

Kai: Ich bin sehr gespannt, was du uns zu erzählen hast. Lass uns so einsteigen: Erzähl doch mal, wie kommt es, dass du vom Jugendkulturfestival in Mönchengladbach jetzt beim Missy Magazine die Geschäftsführung schmeißt? Was ist deine Story?

Ulla Heinrich: Erst einmal danke für die Einladung, total schön, dich wiederzusehen, Kai. Hallo an alle, die hier dabei sind. Ich freue mich total auf die ganzen Aufzeichnungen des Tages, weil ich gerade so viel mit dem Jahresabschluss zu tun habe, dass ich gar nichts anschauen konnte. Katastrophe. Deshalb bin ich mega froh, dass ich mir später anschauen kann, was die anderen Publisher erzählt haben und was ihr Tolles organisiert habt. Danke für den Space und danke für die Orga.

Ulla Heinrich: Ich habe Kulturmanagement und Kulturpädagogik studiert und deshalb solche Sachen gemacht wie das Projekt, in dem wir uns kennengelernt haben, das Jugendfestival, Kultur von Jugendlichen für Jugendliche. Ich war da Coach. So etwas habe ich sehr, sehr gern gemacht, das war eine wunderschöne Zeit. Aber dann hatte ich überhaupt keine Kohle mehr, weil ich immer nur selbstständig gearbeitet habe und es sich einfach nicht ausgegangen ist. Ich musste mir mehr oder weniger eine Festanstellung suchen. Dann haben die Leute von Missy mich nach Berlin geholt, weil wir uns aus dem feministischen Aktivismus kannten und sie wussten, dass ich sehr viele große Projekte und große Festivals gemanagt habe und viel kollektive Erfahrung habe. Die braucht man auch, um feministisch gut miteinander arbeiten zu können.

Ulla Heinrich: Irgendwann, vor jetzt fast drei Jahren, habe ich eine E-Mail bekommen. Im Betreff stand: „Wichtige Anfrage vom Missy Magazine“. Ich kannte nur zwei Leute vom Missy Magazine persönlich. Ich war immer Abonnentin und immer Supporterin, aber ich kannte die nicht. Ich war ja in Dresden, eher in der sächsischen feministischen Szene, und habe da viel Arbeit im sächsischen Hinterland gemacht. Ich war gar nicht in dieser fancy-schmancy Berliner Feminismus-Politik-Szene am Start. Das hat mich auch nicht interessiert, ich fand es nicht so wichtig wie die Sachen, die wir da gemacht haben. Dann haben sie mir diese E-Mail geschrieben und mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, die Geschäfte des Missy Magazine zu leiten. Ich dachte wirklich, ich bekomme einen Herzinfarkt und falle vom Bett. Ich habe das für surreal gehalten, aber dann gedacht: Na gut, wenn ihr das jetzt unbedingt wollt, dann kann ich das schon machen.

Kai: Und die sind wahrscheinlich auch froh, dich zu haben.

Ulla Heinrich: Don't know, das musst du sie fragen.

Kai: Cool. Das Spannende beim Missy Magazine ist ja, dass es tatsächlich eine Größe ist. Du meintest schon: fancy-schmancy Berlin, Politik. Aber ihr seid auch am Kiosk immer fest vertreten. Was ich bei eurem Projekt auf Steady super spannend fand: dass ihr es schafft, Print und Online so zu fusionieren und euch bei beidem stark aufzustellen. Vielleicht kannst du kurz erzählen, auch für die unter uns, die Missy noch nicht kennen, wie das bei euch abläuft.

4:34Print, online und eine Website aus einer anderen Zeit

Ulla Heinrich: Ja, total gern. Erst noch ein kleiner Disclaimer: Das Internet ist hier nicht so ganz toll. Wenn ich weg bin, muss man meistens nur kurz warten, dann komme ich wieder, also nicht panisch werden. Es fällt eigentlich selten ganz aus. Ich habe extra darauf verzichtet, einen Gesichtsfilter zu verwenden, was ich eigentlich immer mache, wenn ich online gehe, damit unsere Sitzung hier nicht abschmiert. Es müsste ganz gut funktionieren.

Ulla Heinrich: Genau. Das Missy Magazine ist ein feministisches Magazin für Pop, Politik und Kultur. Wir sind im 14. Jahr, das ist wirklich Wahnsinn, und haben eine Auflage von 40.000. Zusätzlich sind wir online unterwegs. Es gibt in Deutschland noch ein feministisches Magazin, das größer ist als wir. Den Namen will ich nicht nennen … Ich kann schon sagen, es ist die Emma, kann man ja drüber reden. Sagen wir: Es gibt noch ein anderes Magazin, das sich selbst auch als feministisch definiert. Man kann uns auf der ganzen Welt abonnieren, und wir sind im Handel im ganzen deutschsprachigen Raum, weil wir ein deutschsprachiges Magazin sind. Das ist vielleicht so der Rahmen, wer wir sind.

Ulla Heinrich: Print ist eigentlich so ein Dauerbrenner. Als ich bei Missy angefangen habe, gab es noch keinen wirklich ausgebauten Onlinebereich. Digitale Medien und digitale Kommunikation waren auf jeden Fall einer meiner Schwerpunkte; ich glaube, das war unter anderem ein Grund, warum ich zum Missy Magazine geholt wurde. Wir sind gerade noch dabei, diesen ganzen Bereich auszubauen, da dürfen wir noch viel besser werden. Wir haben jetzt 890 Online-Leserinnen. Aber wir machen keine Werbung für das Online-Abo, weil unsere Website nicht dafür geeignet ist, Sachen online zu lesen. Sie ist in einer Zeit gemacht worden, als es Trend war, dass man sowieso Blogs hat und alles gleichzeitig sichtbar ist. Es ist eine Website aus einer anderen Zeit, die nicht dafür gebaut wurde, dass Journalismus online gelesen werden kann, und erst recht nicht mobil.

Ulla Heinrich: Insofern sind wir seit einem Jahr mit Webentwicklerinnen und einer UX-Designerin dabei, eine neue Website zu entwickeln. Die wird nächstes Jahr im Frühjahr online gehen, und auf die freue ich mich total. Erst dann haben wir die Infrastruktur. Ich bin da bestimmt auch viel zu moralisch, aber ich will den Leuten erst dann ein Online-Abo verkaufen, wenn ich finde, dass wir das Angebot dafür haben. Erst dann werden wir überhaupt damit beginnen, Missy online lesen zu bewerben.

7:48Steady als ständiges Crowdfunding und was Leser:innen bezahlen

Ulla Heinrich: Das heißt, diese 890 Leserinnen, die wir jetzt online haben, sind, schätze ich, Leute, die zum Beispiel einen ganz speziellen Artikel lesen wollen. Die googeln, finden den Artikel und schließen dann ein Online-Abo ab, weil sie ihn gern lesen wollen. Es sind aber auch ganz viele Leute, die Missy unterstützen wollen und gar nicht an unseren Online-Inhalten interessiert sind. Das haben wir auch durch Befragungen der Leute herausfinden können, die bei uns abonnieren. Die wissen teilweise gar nicht, dass sie ein Online-Abo haben. Die denken, dass sie feministischen Journalismus supporten. Das ist die Art, wie wir Steady im Moment hauptsächlich nutzen, auch ohne dass wir das Potenzial schon herauskommuniziert hätten; wir haben gerade keine Kampagnen oder so am Laufen. Wir nutzen Steady als eine Art konstantes Crowdfunding für unseren Journalismus, der unabhängig ist. Wir brauchen Unterstützung. Bei uns ist es so: Wenn die Leserinnen wollen, dass es Missy gibt, müssen sie bezahlen. Das ist einfach so.

Ulla Heinrich: Den Onlinebereich bauen wir gerade noch aus. Wir haben sehr gut funktionierende Social-Media-Kanäle. Aber ihr habt bestimmt mitbekommen, dass Instagram sich gerade sehr stark verändert, und wir haben dort auch massiv Reichweite verloren. Deshalb sind wir jetzt ins TikTok-Game eingestiegen. Da mussten wir echt schnell sein, weil wir gesehen haben, dass weniger Abos reingekommen sind, weil unsere Instagram-Reichweite gedrosselt ist. Die Abhängigkeit von diesen großen Plattformen ist natürlich eine … Deshalb sind wir jetzt bei TikTok. Checkt unseren TikTok-Account aus, der ist richtig cool. Wir haben drei Videos oder so, wir sind gerade am Experimentieren und haben dafür ein Creator-Studio in unserer Redaktion eingerichtet. Ich glaube, das ist ein bisschen das Missy-Prinzip: Wir fahren immer mehrgleisig und versuchen, auch bei neueren Entwicklungen dabei zu sein. Das ist auch ein bisschen unsere Pflicht als Popkulturmagazin. Wir ruhen uns nicht auf dem aus, was wir schon geschafft haben. Wir haben mit Print sehr viel geschafft, aber so sehr wir alle Print lieben: Print ist nicht die Zukunft. Deshalb müssen wir überlegen, wie wir unsere Kanäle stabil aufstellen, und Steady als Partnerin ist da auf jeden Fall ein ganz wichtiger Player. Wir fühlen uns bei Steady auch echt wohl.

Kai: Balsam für die Seele, toll, dass du das sagst. Aber das ist super spannend, weil ihr eigentlich sogar zwei Spagate habt. Das eine ist Print und Online, wo man sagt, Print wird immer weniger wichtig, ist aber wahrscheinlich gerade noch der größte Batzen für euch, wo die meisten Leserinnen und auch der meiste Umsatz reinkommen. Zum anderen: Ist es der Content, für den die Leute bezahlen, die euch unterstützen, oder ist es: Ich will, dass das weiter existiert, und deshalb gebe ich dem Missy Magazine einen monatlichen Betrag? Das finde ich super spannend. Das gilt, glaube ich, für viele Projekte, die sich die Frage stellen: Was verkaufe ich hier eigentlich? Ist es der Content, oder ist es auch einfach so ein gutes Gefühl? Und ich muss übrigens auch mal sagen: 890 Mitglieder, und dann zu sagen, wir machen ja eigentlich gar nichts dafür, das ist schon eine ordentliche Leistung.

Ulla Heinrich: Ich will natürlich tausend Millionen mehr. Ich glaube auch, dass das Potenzial Wahnsinn ist. Ich glaube, dass man online relativ schnell, wenn man das ordentlich macht, das übertrumpfen kann, was wir mit Print verdienen. Da bin ich mir ziemlich sicher, weil das Online-Abo viel teurer ist als das Print-Abo. Es kostet doppelt so viel Geld, und das macht den Leuten nichts aus. Ich habe die Preise vor ein paar Jahren mit der Beratung von Steady zusammen entwickelt, da habt ihr uns richtig gut unterstützt. Die Leute bezahlen das, das ist überhaupt kein Problem. Es ist komisch, dass sie bei Print weniger bereit sind. It's weird, echt weird, aber auch echt spannend. Und entschuldige, deine Frage, ich hatte dich unterbrochen.

12:22März 2020: raus aus dem Kioskhandel

Kai: Kein Problem. Ich hatte mal in eure Zahlen reingeschaut, und da ist mir der März 2020 aufgefallen. Was ist da passiert?

Ulla Heinrich: Weißt du ja selbst, was da passiert ist: Die scheiß Pandemie hat angefangen. Und ich stand vor der Frage: Gebe ich jetzt ein Magazin in den deutschsprachigen Handel, ohne Garantie, ob dieser Handel geöffnet hat? Ich weiß nicht, ob ihr euch mit Remission auskennt. Im Print gibt es die sogenannte Remission, das ist das, was zurückkommt. Der Handel an sich ist wahnwitzig, wie das funktioniert: Für ein Magazin, das im Handel verkauft wird, müssen da zwei liegen. Das heißt, die Hälfte wird eigentlich mindestens verschrottet. Wir haben eine sehr gute Remission, aber es ist eine Katastrophe. Und dann war die Frage: Werden jetzt 100 Prozent verschrottet, wenn wir den ganzen Handel mit unserer Auflage beliefern und dann alles zu hat?

Ulla Heinrich: Deshalb haben wir uns sehr kurzfristig entschieden, unsere Druckauflage extrem zu senken und nicht in den Handel zu gehen, weder in Deutschland noch in der Schweiz noch in Österreich. Damit haben wir erhebliche Kosten gespart, sind aber natürlich auch ein krasses Risiko eingegangen und haben erst einmal sehr viel Gewinn verloren. Dann haben wir gesagt: Wir verkaufen unser Magazin halt selbst, aus unserem Büro heraus. Mit der Unterstützung von Steady, also mit der Struktur, die Steady uns dafür bietet, haben wir eine Kampagne gemacht, in der wir gesagt haben: Hallo, wir sind nicht im Handel, das bedroht uns gerade total. Ihr müsst Missy bitte trotzdem kaufen. Das könnt ihr machen, indem ihr bei uns eine bestellt, wir packen sie euch im Büro ein, oder ihr schließt ein Online-Abo ab, das geht auch. Wir haben echt Druck gemacht, aber das war auch wichtig. Wir hatten auf der Website so einen Zähler, ich hatte 500 … 1.000, es waren 1.000. Ich hatte ausgerechnet, wie viel Geld wir brauchen, und genau das habe ich den Kundinnen kommuniziert: Die Kohle muss reinkommen, sonst sieht es irgendwie scheiße aus. Und dann haben alle, die Redaktion und alle, die bei Missy arbeiten, wochenlang im Büro die Ausgabe verschickt. Es war chaotisch, aber wir haben es hinbekommen, und ich bin mega stolz darauf, auch darauf, dass wir so schnell eine Entscheidung getroffen haben. Und das war gar kein so schlechter Monat für uns.

Kai: Das ist echt krass. Das zeigt auch voll diesen Do-it-yourself-Spirit: Dann machen wir das jetzt halt einfach selbst. Und natürlich extrem cool, dass ihr das mit Steady so spontan umsetzen konntet. Darum geht es ja, glaube ich, auch: einfach mal etwas machen, einfach mal etwas ausprobieren.

Ulla Heinrich: Genau. Ich wollte noch kurz sagen: Das ist zumindest mein Leadership-Style. Finden bestimmt nicht alle gut, aber ich kann nicht anders.

15:52E-Paper und der Mut, Geld zu verlangen

Kai: Genau. Fragen jederzeit gern in den Chat. Ich habe gesehen, Melanie hat gerade eine Frage gestellt, über Onlineplattformen, iKiosk und so weiter. Melanie, willst du die kurz selbst stellen? Dann entmute dich kurz, mach das gern.

Teilnehmerin: Ja, hallo. Ich habe mich gerade gefragt, wenn du sagst, ihr habt die Printausgabe sozusagen gestoppt, ob ihr dafür parallel umgestiegen seid. Es gibt ja nicht nur die Möglichkeit zu sagen, ich printe, oder ich habe meine Seite online, sondern auch die Möglichkeit, das Ganze als E-Paper zu publishen.

Ulla Heinrich: Danke für die Frage, Melanie. Ich glaube, ich bin da nicht die krasseste Expertin. Missy hatte mal so ein E-Paper, und das war alles total verwirrend, anstrengend in der Verwaltung und irgendwie komisch. Deshalb habe ich das abgeschafft. Online haben wir unser ganzes Magazin auf unserer Website, und so verkaufen wir es online, nur über uns, also über Steady. Aber ich kopiere mir auf jeden Fall iKiosk, Readly und Yumpu und schaue mir an, was das ist. Ich weiß nämlich gar nicht, was das ist.

Teilnehmerin: Okay. Wenn du Fragen hast, sag gern Bescheid. Ich habe gerade ein Magazin herausgebracht und beschäftige mich mit den Plattformen. Da kann man Geld verdienen, aber vor allem auch Reichweite machen.

Ulla Heinrich: Ja, cool, nice, sehr gut. Schön, dich kennenzulernen, Melanie.

Kai: Super. Sonst bei Fragen einfach in den Chat oder die Hand heben, dann können wir das auch machen. Was wäre dein Ratschlag für Leute, die gerade vielleicht ein Publikum haben und mit diesem Publikum irgendwie Geld verdienen wollen? Was sollen die als Erstes machen?

Ulla Heinrich: Schwierige Frage, aber es kommt drauf an. Wenn sie, wie wir, aus linkem Journalismus kommen, aus unabhängigem Journalismus, aus solidarischen Kontexten, dann sollten sie keine Angst davor haben, Geld zu verlangen für das, was sie machen, und auch nicht zu wenig. Wir würden natürlich am liebsten unser Magazin kostenlos abgeben und alle Barrieren abbauen, die es gibt, es zu lesen. Wir haben ja auch im Print den Abopreis von 30 Euro. Das ist eigentlich nicht mehr haltbar. Jetzt ist auch alles teurer geworden, Papier ist teurer geworden, Lieferungen sind teurer geworden, es ist der Wahnsinn. Eigentlich ist das nicht mehr machbar. Also: den Mut haben, wirklich einzuschätzen, was das wert ist, und vielleicht eine Spanne anzubieten. Wie viel ist das wert, was wir machen? Und das auch wirklich so einschätzen. Ich glaube, das ist ein bisschen dieser linke Utopismus, aus dem man da ein bisschen rauskommen sollte. Das würde ich empfehlen.

Ulla Heinrich: Und dann würde ich empfehlen, wirklich zu überlegen, was kommuniziert wird. Das merke ich immer wieder an der Verwirrung unserer Online-Steady-Mitglieder, die teilweise wirklich nicht wissen, dass sie einen Account zum Online-Lesen haben. Wirklich überlegen: Was ist die Idee, die wir verkaufen, oder für die die Leute uns unterstützen können, sagen wir es so? Und dann mit dieser Idee nach vorn gehen und sie kommunizieren. Bei uns ist das der Claim „unabhängiger feministischer Journalismus“. Diesen Claim haben wir dafür entwickelt. Das ist das, was wir machen, das ist das, was wir verkaufen, und das ist auch die Idee, die wir verkaufen. Manchmal müssen wir noch mehr dazu erklären, warum das unterstützt werden muss. Aber prinzipiell ist es das, was wir vorn dranstellen, und nicht: Das ist das Abo, das ist das Abo, und das ist das Abo. Das sind dann die Details, die danach kommen.

Kai: Genau, voll. Was kostet die Printausgabe, hat Melanie gerade noch gefragt.

Ulla Heinrich: Am Kiosk kostet sie 5,50 und im Abo 30 Euro für sechs Ausgaben im Jahr.

20:14Keine Extras für Mitglieder und wozu Missy Steady braucht

Kai: Cool. Und Ulla, die andere Ulla, hatte noch eine Frage. Willst du die auch selbst stellen?

Teilnehmerin: Ja, kann ich gern machen. Du hast es gerade teilweise beantwortet: dass Steady-Supporterinnen auch ein Online-Abo haben. Das war mir aus dem Text der Pakete auch nicht ersichtlich, vielleicht ist das noch einmal ein Hinweis, das zu schärfen. Habt ihr vor, bei Steady noch irgendein besonderes Benefit anzubieten? Oder habt ihr das Gefühl, das brauchen wir gar nicht, es läuft auch so, und die Leute unterstützen uns auch, ohne dass wir, was weiß ich, exklusive Redaktionsbesuche anbieten oder was auch immer das sein könnte?

Ulla Heinrich: Danke für den Hinweis und auch für die Frage. Von diesen Benefits sind wir, glaube ich, nicht so große Fans, weil wir die Kapazitäten nicht haben und auch die Ressourcen nicht. Bei uns ist es auch nicht so wie bei der Zeit oder bei großen Verlagen, wo du mit irgendwelchem kostenlosen Material überschüttet wirst, wenn du ein Abo abschließt. Bei uns nimmst du nur an einer Verlosung um ein Teil teil, weil das die Größe unseres Verlags ist. Wir können den Leuten zu dem extrem günstigen Preis, der Zugänglichkeit gewährleisten soll, nicht noch Sachen dazuschenken, die unsere Gewinne noch weiter mindern. Das geht nicht. Insofern versuchen wir tatsächlich, ohne dieses zusätzliche Drumherum auszukommen, und das ist wirklich eine Ressourcenfrage und auch ein bisschen eine Ideologiefrage. Klar, ich finde es auch cool, wenn Leute mal in die Redaktion kommen. Aber ich habe da keine Zeit für, muss ich sagen, und die anderen auch nicht. Unsere Ressourcen als linker, unabhängiger Verlag sind sehr knapp, sehr knapp.

Kai: Dann gab es noch eine Frage von Tobias. Willst du auch?

Teilnehmer: Ja, gern. Sehr spannend, was du da sagst. Ich habe mir die Website auch mal angeguckt. Was mich ein bisschen verwirrt: Auf der einen Seite sind hier die Steady-Abos, also die Mitgliedschaften, drauf. Auf der anderen Seite kann ich mir das Magazin auch direkt bestellen. Jetzt mal ganz direkt meine freche Frage: Wozu braucht ihr eigentlich Steady? Das habe ich noch nicht so richtig durchschaut.

Ulla Heinrich: Danke, Tobias. Steady ist unsere Partnerin für das Online-Lesen. Wie Melanie gerade schon gesagt hat, das kommt anscheinend nicht so klar raus oder ist noch nicht klar genug kommuniziert. Die Idee ist: für alle, die keinen Bock auf Print haben oder aus anderen Gründen vielleicht nur einen Artikel lesen wollen. Der große Unterschied zu Print ist, dass du bei Steady 3.000 Artikel von Missy lesen kannst. Da kommst du mit Print, egal wie doll du sammelst, wahrscheinlich nicht hin. Das wird auch einer der großen kommunikativen Selling Points dieses Online-Abos: dass du auf ein Archiv von feministischem Journalismus und feministischen Artikeln zurückgreifen kannst. Also: Das Print-Abo ist das Print-Abo, und mit Steady machen wir unser Online-Abo. Das ist die einfache Antwort.

24:00Warum Missy das Online-Abo noch nicht bewirbt

Kai: Genau. Dann die nächste Frage von Tina. Die willst du bestimmt auch selbst stellen, oder, Tina?

Teilnehmerin: Ich darf, nachdem ich mich schon vertippt habe. Hallo! Du hast eingangs erwähnt, dass du online erst noch ein bisschen hübscher machen willst, oder was heißt hübscher, besser nutzbar und so weiter, um dann erst nach Support zu fragen. Dann hast du etwas zu deinem Leadership-Style gesagt, was ich auch sehr interessant fand, und auch etwas zu linker politischer Arbeit und ob man nach Geld fragt. Da dachte ich, und ich sage das jetzt mal so provokant: Ist das eigentlich so ein Frauending oder so ein linkes Ding, sehr defensiv zu sein, wenn es ums Geld geht? Oder seid ihr das gar nicht?

Ulla Heinrich: Tina, du provozierst mich gar nicht. Ich würde sagen, es hat auf jeden Fall etwas mit linken politischen Einstellungen zu tun, dass es ein gestörtes Verhältnis zu Geld gibt. Wir kommen alle aus Strukturen, in denen Ressourcen total knapp sind, würde ich sagen, immer, und Geld eigentlich nicht da ist. Und wir wissen auch, dass unser Publikum tendenziell ebenso knappe Ressourcen hat. Aber vielleicht stimmt das auch gar nicht. Gerade beim Feminismus muss man sich das fragen: Der ist sehr in und sehr trendy und jetzt auch eher in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Ich würde das alles unterschreiben, was du gerade gesagt hast. Ob es etwas mit Frauen zu tun hat, kann ich mir auch gut vorstellen.

Ulla Heinrich: Dass wir unser Online-Abo nicht krass bewerben, bevor die Seite gut nutzbar ist, liegt ehrlich gesagt daran, dass ich Geschäftsführerin bin, aber auch in der Onlineredaktion wirklich Teil der Redaktion. Ich mache auch unser ganzes Marketing und unseren gesamten Kundenservice. Das heißt, jede Anfrage, „Ich suche einen Artikel“, „Ich kann mich nicht einloggen“, „Ich finde das aktuelle Heft nicht“, „Das wird nicht dargestellt“, landet bei mir. Und ich beantworte das immer nett, weil ich wichtig finde, dass Missy für Leute von außen sehr ansprechbar ist. Aber ich habe Respekt davor, was für Anfragen und auch Ansprüche kommen, wenn man jetzt straight on sagt: Hey, jetzt Missy online lesen, und dann funktioniert es hinten und vorn nicht. Es hat sehr viel damit zu tun, dass ich Respekt vor der Serviceleistung habe, die ich dann nicht mehr bewältigen kann.

27:05Was an der Website nicht funktioniert

Kai: Super. Ganz kurz der Programmhinweis: In zwei Minuten geht es weiter bei Thomas vom Volksverpetzer, da könnt ihr rüberswitchen. Wir können aber auch ein kleines bisschen überziehen, das ist kein Problem, wir sind ja hier in unserem eigenen kuscheligen kleinen Raum. Es gab noch eine letzte Frage von Melanie. Willst du die noch einmal stellen?

Teilnehmerin: Ja. Zum Teil ist es jetzt schon beantwortet, weil ich noch einmal gefragt habe: Was stört dich denn aktuell konkret an eurem Onlineauftritt? Wenn ich jetzt auf die Seite gucke, ist es nicht so, dass ich sage, dafür würde ich kein Geld zahlen wollen. Im Gegenteil, da steht wahnsinnig viel drauf, und es ist super ansprechend gezeigt. Ich muss aber gestehen, ich finde die Ansprüche, die Leute stellen, immer sehr verwirrend. Da denke ich immer: Gott, es gibt halt mal Sachen, die nicht funktionieren. Wenn du noch etwas dazu sagen möchtest, gern. Ansonsten habe ich es, glaube ich, auch ein bisschen verstanden. Danke.

Ulla Heinrich: Ich gebe das auf jeden Fall an unsere Grafikdesignerin und unsere Art-Direktorin weiter, dass die Seite auch schön aussieht. Mir geht es wirklich darum, dass die Leute mit einer sehr intuitiven Oberfläche gut durch die Seite sliden können und an die Inhalte kommen, die sie suchen, und dass sie verschiedene Möglichkeiten haben zu lesen. Das funktioniert im Moment alles nicht. Das ist alles nicht ordentlich vertaggt, die Suche funktioniert total schlecht. Ich will, dass es total einfach geht, wenn eine Person auf die Seite kommt und sagt: Ich will das Missy Magazine Nummer 6/18 lesen. Ich will, dass es einfach geht, wenn Leute sagen: Ich will das aktuelle Magazin von hinten nach vorn lesen. Und wenn Leute auf die Seite kommen und nach dem Hashtag Abtreibung suchen, dann sollen sie einfach dahin kommen und nicht frustriert werden, wenn sie auf der Suche nach feministischen Inhalten sind. Das funktioniert auf der Seite nicht, weil sie dafür nicht gemacht ist.

Teilnehmerin: Darf ich da noch einmal kurz einhaken? Ich frage mich tatsächlich, ob man das so streng sehen muss, dass man sagt, ich habe mein Onlinemagazin und mein Digitalmagazin und die Seite. Letzten Endes ist es ja ganz oft so, dass Printleser und, ich nenne es mal, Blogleser oder Onlinemagazinleser relativ unterschiedlich ticken. Ich frage mich, ob ich dieses „Ich will jetzt das Magazin 6/18 lesen“ wirklich brauche, oder ob du da nicht einfach zu verkopft bist. Entschuldigung.

Ulla Heinrich: Kein Ding, kann total sein. Wir haben relativ viele Umfragen gemacht, mit unseren Print-Userinnen, aber auch mit unseren Online-Abonnentinnen, zu dem Thema, was sie von der Website erwarten und wie sie die Website nutzen. Wir hatten eine UX-Designerin, die sozusagen auch den Kundenservice bei Facebook macht. Das heißt, sie kennt sich sehr gut damit aus, wie man aus Leuten die Informationen herausbekommt, die man will. Ich fand das sehr aufschlussreich, und da gab es wenig positives Feedback von den Userinnen, muss ich sagen. Wir haben von Mitte 2019 bis Anfang 2020 sehr ausführlich befragt. Ich richte mich da wirklich nach dem, was die Userinnen sagen. Aber das, was du sagst, kann trotzdem total stimmen.

31:02Offen für Zusammenarbeit

Kai: So, dann ist jetzt deine Zeit gekommen, Pauline. Pauline fragt nach Vernetzung. Willst du selbst kurz sprechen? Bist du noch da?

Teilnehmerin: Ja, perfekt. Vielen Dank für die tollen Infos und Insights, Ulla. Ich bin die Chefredakteurin von Deine Korrespondentin, und meine Kollegin und ich haben schon total oft versucht, zu euch durchzudringen, weil wir eigentlich eine ganz ähnliche Mission verfolgen, nämlich tolle Frauen sichtbar machen. Irgendwie haben wir es bisher noch nicht geschafft. Deswegen war meine Frage im Chat, ob ihr offen seid für Kollaboration, oder ob ihr euch eher in eurem Kosmos bewegt und da ganz fein seid und alles andere eher hinten runterfällt.

Ulla Heinrich: Hallo Pauline, schön, dich kennenzulernen. Tut mir leid, dass wir bis jetzt nicht gut darauf geantwortet haben oder ihr nicht zu uns durchgedrungen seid. Das wäre auf jeden Fall nicht mein Ziel. Wir sind total offen, wir kollaborieren richtig viel in ganz verschiedene Richtungen. Wir machen zum Beispiel Veranstaltungen zusammen mit Theatern hier in Berlin, wir promoten regelmäßig andere feministische Magazine über unsere Kanäle in Sonderwochen. Wir finden Vielfalt und Diversität total wichtig. Kollaborationen sind bei uns immer eine Kapazitätsfrage. Es muss immer eine Person geben, die das dann auch macht, und wenn es diese Person gerade nicht gibt, dann klappt es nicht. Das hat meistens gar nichts mit den Inhalten zu tun. Aber du kannst mir einfach noch einmal schreiben. Ich schreibe meine E-Mail-Adresse hier in den Chat, und dann kannst du mir schreiben, worauf ihr Lust habt, und dann gucken wir mal.

Teilnehmerin: Super, merci.

33:05Wenn Feminismus zum Mainstream wird

Kai: Gern. Ich habe noch eine letzte Frage zum Abschluss, vielleicht als Blick in die Zukunft. Du hast ja gerade schon ein bisschen angeteasert: Feminismus ist ein bisschen Mainstream geworden, da mischen jetzt auch die großen Brands mit. Was meinst du, wie geht das weiter? Man kann sich durchaus vorstellen, dass auch große Verlage und große Zeitschriften in dem Bereich mitmischen wollen und dass es immer mehr von den großen Playern gekapert wird. Wie geht das aus deiner Sicht weiter, und wie geht es für Missy weiter?

Ulla Heinrich: Du hast absolut recht. Feminismus wird an ganz vielen Ecken und Enden extrem gefeaturt, weil Kapitalismus eben so funktioniert. Der Kapitalismus verleibt sich alles ein und wurstelt es einmal durch, um damit Geld zu verdienen. Das ist eben die wichtige Frage, die ich mir als Geschäftsführerin jeden Tag aufs Neue stelle: Wie können wir damit Geld verdienen? Insofern ist es einerseits total in unserem Sinne, dass die Inhalte, die wir als feministische Bewegung erarbeiten, so würde ich uns sehen, als Teil einer feministischen Bewegung, in einer breiten gesellschaftlichen Öffentlichkeit Aufmerksamkeit finden und die Lebenssituation von Menschen verbessern. Das ist das, was wir wollen, deshalb machen wir das. Gleichzeitig ist es natürlich auch frustrierend zu sehen, wenn Konzerne oder große Institutionen strukturell gar nicht leisten, was sie sich da vorn draufschreiben. Das gibt es für feministische Inhalte, für antirassistische Inhalte, für queere Inhalte: Alles wird einmal durchgenudelt, um Profite zu machen oder um das eigene Image aufzupolieren.

Ulla Heinrich: Ich glaube, wir können als Journalistinnen nur versuchen, zusammen mit den Leuten eine Aufmerksamkeit zu entwickeln, eine Medienkompetenz, solche Strukturen zu durchschauen und zu sehen: Wo wird hier gerade etwas benutzt, um etwas zu erreichen, das nicht lauter ist und das auch nicht politisch ist, und wo geht es wirklich um Inhalte? Das können wir nur alle zusammen. Und da haben wir als Journalistinnen und als Verlage auch eine wahnsinnig wichtige Rolle, die wir total ernst nehmen müssen und können. Und wir müssen natürlich den Kapitalismus radikal bekämpfen, damit so etwas nicht mehr passiert. Nein, aber das gehört natürlich auch dazu: diese Strukturen kritisch anzuschauen, auch ausbeuterische Strukturen. Denn wenn wir nicht gegen sie kämpfen, wird sich dieses System niemals verändern. Da kann man nicht kleinteilig rangehen. Das wollte ich damit sagen.

Kai: Super, vielen Dank für die Worte zum Abschluss. Vielen Dank, dass du da warst und hier eine Session gemacht hast. Können wir das dann nächstes Jahr auch mal in echt erleben?

Ulla Heinrich: In real life? Mal schauen, wie das mit Corona weitergeht.

Kai: Super. Danke an euch, dass ihr dabei wart. Ich beende jetzt die Aufnahme.

Das kannst du übernehmen

  1. Verlang Geld für deine Arbeit, und nicht zu wenig; Missys Online-Abo kostet doppelt so viel wie das Print-Abo, und die Leute zahlen es.
  2. Stell die Idee, für die du stehst, vor die Details deines Angebots, und sag trotzdem klar, was Mitglieder bekommen.
  3. Verzichte auf Extras, wenn dir Zeit und Geld dafür fehlen; viele zahlen, damit es dich weiter gibt.
  4. Wirb erst groß, wenn Website und Kundenservice die neuen Mitglieder tragen.
  5. Sag in einer Notlage offen, wie viel Geld fehlt, und mach den Fortschritt sichtbar.

Das Missy Magazine ist ein feministisches Magazin für Pop, Politik und Kultur. Zum Zeitpunkt des Gesprächs erschien es im 14. Jahr, mit einer Auflage von 40.000 Exemplaren. Es liegt im Handel im ganzen deutschsprachigen Raum und lässt sich weltweit abonnieren. Ulla Heinrich ist Geschäftsführerin. Im Gespräch mit Kai von Steady erzählt sie, wie das Magazin Steady nutzt, warum es sein Online-Abo bewusst noch nicht bewirbt und wie es zu Beginn der Pandemie den Kioskverkauf ersetzte.

Das Gespräch fand am 7. Dezember 2021 beim Steady Growth Day statt, einem Tag mit mehreren Sessions für Medienmacher:innen, die Steady nutzen, am selben Tag wie das Gespräch mit dem Volksverpetzer. Alle Zahlen geben den Stand zum Zeitpunkt des Gesprächs wieder.

Ausgangslage: ein Printmagazin mit einer Website aus einer anderen Zeit

Ulla kam damals vor fast drei Jahren zu Missy. Sie hat Kulturmanagement und Kulturpädagogik studiert, große Festivals organisiert und in der feministischen Szene in Sachsen gearbeitet. Digitale Medien und digitale Kommunikation gehörten zu ihren Schwerpunkten. Einen ausgebauten Onlinebereich hatte Missy bei ihrem Start noch nicht.

Print ist bis heute das Kerngeschäft. Ein Heft kostet am Kiosk 5,50 Euro, das Abo 30 Euro für sechs Ausgaben im Jahr. Ulla hält diesen Preis inzwischen für zu niedrig, weil Papier und Versand teurer geworden sind.

Online hatte Missy 890 Abonnent:innen über Steady. Sie können auf der Website das ganze Heft lesen und auf ein Archiv von 3.000 Artikeln zugreifen. Ein E-Paper gab es früher auch; Ulla hat es abgeschafft, weil es verwirrend war und viel Verwaltung kostete.

Das Problem ist die Website. Sie stammt aus einer Zeit, in der Seiten wie Blogs aussahen und alles auf einmal sichtbar sein sollte. Zum Lesen von Journalismus ist sie nicht gemacht, auf dem Handy erst recht nicht. Die Suche funktioniert schlecht, die Artikel sind nicht ordentlich verschlagwortet. Ulla möchte, dass Leser:innen ohne Mühe eine bestimmte ältere Ausgabe finden, das aktuelle Heft von vorn bis hinten lesen oder alle Texte zu einem Stichwort wie Abtreibung aufrufen können. Grundlage dafür sind ausführliche Befragungen von Print- und Online-Leser:innen zwischen Mitte 2019 und Anfang 2020, bei denen die alte Seite wenig Lob bekam. Seit einem Jahr arbeiteten Webentwicklerinnen und eine UX-Designerin an einer neuen Website, die im folgenden Frühjahr online gehen sollte.

Was Missy macht: Steady als ständiges Crowdfunding

Für das Online-Abo macht Missy keine Werbung, und zum Zeitpunkt des Gesprächs lief auch keine Kampagne. Die 890 Abonnent:innen kamen trotzdem zusammen. Aus Befragungen weiß Ulla, wer sie sind. Manche finden über eine Suchmaschine einen bestimmten Artikel und schließen ein Abo ab, um ihn zu lesen. Viele andere wollen Missy unterstützen und interessieren sich gar nicht für die Texte auf der Website. Einige wissen nicht einmal, dass ihre Mitgliedschaft ein Online-Abo ist; sie glauben, sie förderten feministischen Journalismus.

Ulla nennt Steady deshalb „eine Art konstantes Crowdfunding“ für unabhängigen Journalismus. Wenn die Leserinnen wollen, dass es Missy gibt, müssen sie nach ihren Worten bezahlen.

Bemerkenswert ist der Preis. Das Online-Abo kostet doppelt so viel wie das Print-Abo, und die Leute zahlen es ohne Klagen. Ulla hat die Preise vor einigen Jahren mit Beratung von Steady entwickelt. Dass Leser:innen für Print weniger zu zahlen bereit sind, findet sie seltsam. Sie ist überzeugt, dass Missy online mehr verdienen könnte als mit Print, wenn das Angebot ordentlich gemacht ist.

Extras für Mitglieder gibt es kaum. Wer ein Abo abschließt, nimmt an einer Verlosung teil, mehr nicht. Für Geschenke oder Besuche in der Redaktion fehlen Zeit und Geld. Der Preis soll niedrig bleiben, damit das Magazin zugänglich ist, und Beigaben würden den knappen Gewinn weiter schmälern. Ulla nennt das eine Frage der Ressourcen und ein wenig auch der Haltung.

Wie viele Medien hängt auch Missy an großen Plattformen. Als Instagram die Reichweite des Magazins drosselte, kamen spürbar weniger Abos herein. Missy reagierte schnell, richtete in der Redaktion ein kleines Studio für Videos ein und probierte TikTok aus. Bei neuen Entwicklungen dabei zu sein, hält Ulla für die Pflicht eines Popkulturmagazins, denn Print sei nicht die Zukunft.

März 2020: raus aus dem Kioskhandel

Als im März 2020 die Pandemie begann, musste Ulla entscheiden, ob sie ein Heft in den Handel gibt, ohne zu wissen, ob die Läden offen sind. Im Zeitschriftenhandel müssen für jedes verkaufte Heft zwei im Regal liegen; mindestens die Hälfte kommt also zurück und wird vernichtet. Diese Rücklaufquote heißt Remission. Bei geschlossenen Läden, fürchtete Ulla, wäre die ganze Auflage verloren.

Missy entschied sehr kurzfristig, die Druckauflage drastisch zu senken und weder in Deutschland noch in Österreich oder der Schweiz in den Handel zu gehen. Das sparte erhebliche Kosten, war aber ein Risiko und kostete zunächst viel Gewinn. Stattdessen verkaufte das Magazin das Heft selbst. Mit Steady als Werkzeug startete es eine Kampagne. Die Botschaft lautete, Missy sei nicht im Handel, das bedrohe das Magazin, und die Leser:innen sollten das Heft trotzdem kaufen. Leser:innen konnten eine Ausgabe direkt im Büro bestellen oder ein Online-Abo abschließen.

Ulla rechnete aus, wie viel Geld das Magazin brauchte, und teilte das den Leser:innen offen mit. Auf der Website lief ein Zähler mit dem Ziel 1.000. Wochenlang verpackten die Redaktion und alle anderen bei Missy die Hefte im Büro und verschickten sie. Es war chaotisch, aber es klappte, und der März 2020 war nach Ullas Worten am Ende „gar kein so schlechter Monat“. Besonders stolz ist sie darauf, wie schnell das Team entschieden hat.

Wo es noch hakt

Im Gespräch zeigt sich, wo das Modell klemmt. Eine Teilnehmerin merkt an, aus dem Text der Pakete gehe nicht hervor, dass Mitglieder online lesen können. Ein anderer fragt offen, wozu Missy Steady überhaupt brauche, wenn man das Heft auch direkt bestellen könne. Ulla antwortet knapp, das Print-Abo sei das Print-Abo, und mit Steady mache Missy das Online-Abo. Künftig soll das Archiv mit seinen 3.000 Artikeln ein zentrales Argument dafür werden.

Warum Missy das Online-Abo trotzdem nicht bewirbt, erklärt Ulla mit ihrem Alltag. Sie ist Geschäftsführerin, arbeitet in der Onlineredaktion mit und macht das gesamte Marketing und den gesamten Kundenservice. Jede Anfrage landet bei ihr, ob jemand einen Artikel sucht, sich nicht einloggen kann oder das aktuelle Heft nicht findet. Ein Angebot laut zu verkaufen, das dann nicht richtig funktioniert, würde eine Flut von Anfragen auslösen, die sie nicht bewältigen könnte.

Was du übernehmen kannst

Verlang Geld für deine Arbeit, und zwar nicht zu wenig. Diesen Rat richtet Ulla besonders an Medienmacher:innen aus linken, unabhängigen und solidarischen Zusammenhängen, die ihr Angebot am liebsten verschenken würden. Schätz ein, was deine Arbeit wert ist, und biete vielleicht eine Preisspanne an. Wie du dabei vorgehst, erklärt die Lektion zu den richtigen Preisen.

Stell die Idee vor das Produkt. Missy wirbt mit dem Claim „unabhängiger feministischer Journalismus“, nicht mit den Einzelheiten des Abos. Die Details kommen danach. Wie du eine solche Idee für dein eigenes Medium in Worte fasst, zeigt die Lektion zum Mission Statement.

Sag trotzdem deutlich, was Mitglieder bekommen. Bei Missy wissen manche nicht, dass sie online lesen können, und Interessierte verstehen nicht, warum es neben dem Print-Abo eine Mitgliedschaft gibt.

Spar dir Extras, wenn dir die Kraft dafür fehlt. Viele Mitglieder zahlen, damit es dich weiter gibt.

Wirb erst groß, wenn Technik und Service bereit sind. Wer allein alle Anfragen beantwortet, sollte vorher prüfen, ob die Website hält, was die Werbung verspricht.

Und wenn es eng wird, sag offen, wie viel Geld fehlt. Missy hat sein Ziel ausgerechnet, es öffentlich gemacht und den Fortschritt auf der Website gezeigt.

Häufige Fragen

Was ist das Missy Magazine?

Ein feministisches Magazin für Pop, Politik und Kultur. Zum Zeitpunkt des Gesprächs erschien es im 14. Jahr mit einer Auflage von 40.000 Exemplaren, im Handel im deutschsprachigen Raum und im Abo weltweit. Über Steady verkauft es zusätzlich ein Online-Abo.

Wofür nutzt das Missy Magazine Steady?

Für das Online-Abo. Mitglieder können auf der Website das ganze Heft und zum Zeitpunkt des Gesprächs 3.000 Artikel lesen. Weil viele Abonnent:innen vor allem unterstützen wollen, nennt Geschäftsführerin Ulla Heinrich Steady „eine Art konstantes Crowdfunding“.

Warum bewirbt das Missy Magazine sein Online-Abo nicht?

Die alte Website ist nicht zum Lesen gemacht, schon gar nicht auf dem Handy, und die Suche funktioniert schlecht. Ulla Heinrich beantwortet alle Anfragen von Leser:innen selbst und fürchtet, den Service nicht zu bewältigen, wenn sie ein Angebot bewirbt, das nicht richtig funktioniert. Erst mit einer neuen Website will Missy werben.

Was hat das Missy Magazine im März 2020 gemacht?

Zu Beginn der Pandemie entschied Missy, die Druckauflage drastisch zu senken und nicht in den Handel zu gehen. Stattdessen verkaufte das Magazin das Heft mit einer Kampagne selbst, als Bestellung aus dem Büro oder als Online-Abo. Nach Ulla Heinrichs Worten war es am Ende kein schlechter Monat.

Bietet das Missy Magazine seinen Mitgliedern Extras?

Kaum. Abonnent:innen nehmen an einer Verlosung teil, mehr gibt es nicht. Für Geschenke oder Redaktionsbesuche fehlen dem kleinen Verlag Zeit und Geld, und der Preis soll niedrig bleiben, damit das Magazin zugänglich ist.

Die Methoden dahinter

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