0:00Wie der Volksverpetzer aus Facebook-Kommentaren entstand
Moderation: Vorab an alle noch mal der Hinweis: Wir nehmen das hier auf. Wenn ihr euch dabei unwohl fühlt, dann macht die Kamera aus. Ansonsten gerne Kamera an, wir freuen uns, wenn ihr euch zeigt und euch ein bisschen austauscht. Aber seid euch bewusst, dass ihr dann vielleicht auch auf der Aufnahme auftaucht.
Moderation: Der Ablauf dieser Session wird so sein, viele kennen es inzwischen schon: Wir werden am Anfang eine Viertelstunde sprechen, Thomas und ich. Thomas wird ein bisschen erzählen, und danach öffnen wir das Ganze für den Austausch. Schreibt bitte schon jetzt eure Fragen in den Chat. Wir sammeln sie, und später könnt ihr sie entweder selbst live stellen, oder ich lese sie vor, was euch lieber ist. So viel zum Ablauf.
Moderation: Ich darf jetzt herzlich willkommen heißen: Thomas Laschyk vom Volksverpetzer. Ich freue mich, dass du dir die Zeit genommen hast und hier bist. Thomas, du bist Gründer vom Volksverpetzer, einer Plattform, einem Blog gegen Hetze und gegen Fake News. Heute steht auf der Seite ganz groß: „Querdenker rasten aus, weil Lauterbach Gesundheitsminister geworden ist.“ Ganz viel natürlich auch über die Corona-Mythen, und auch auf Social Media seid ihr sehr groß. Euch gibt es schon seit sehr vielen Jahren, in der jetzigen Form als eigenständiger Blog aber noch nicht so lang, ich glaube, seit vier Jahren. Eure Marke gibt es schon länger. Kannst du ein bisschen was dazu sagen, wie es dazu kam und wie die Entscheidung fiel, diesen Blog zu gründen?
Thomas Laschyk: Ganz am Anfang, die ersten Iterationen vom Volksverpetzer gab es schon 2014. Da haben ich und ein paar Freunde den Blog gegründet, und wir wollten ein bisschen schreiben. Ich bin Augsburger, also über Augsburger Lokalpolitik, damals natürlich auch über die AfD, die damals neu gegründet war, und allgemein über Politikthemen, die uns interessiert haben. Ich habe aber auch Literaturanalysen gemacht, weil ich damals parallel noch Literaturwissenschaft studiert habe. Das war so ein Hobby, wo wir nebenbei ein bisschen über Politik und Wissenschaft geschrieben haben, was uns eben interessiert hat.
Thomas Laschyk: Im Herbst 2015, in der sogenannten Flüchtlingskrise, war das natürlich ein großes Thema, das uns und mich sehr beschäftigt hat. Ich habe enorm viel in den Kommentarspalten diskutiert. Es gab enorm viele Fake News, viel Hetze, viel Hass, und ich habe versucht, da zu diskutieren. Ich habe mich gefragt: Was kann man da machen? Wenn wieder irgendwelche nachweislich frei erfundenen Geschichten herumgeteilt worden sind, habe ich versucht, aufzuklären und Widerstand zu leisten in den Kommentarspalten, Nein zu sagen und die Fakten zu liefern.
Thomas Laschyk: Und ich habe gemerkt: Wenn man unsachlich wird, verliert man sofort die Diskussion. Wenn man irgendwas nicht sofort gut belegt, verliert man die Diskussion, et cetera. Meine Kommentare in den Facebook-Kommentarspalten wurden immer länger, immer ausführlicher und immer besser recherchiert. Eines Tages habe ich zwei Stunden an einem Kommentar gesessen, ich glaube, das war tatsächlich in der Kommentarspalte der Augsburger Allgemeinen, nur um direkt danach blockiert zu werden. Da dachte ich mir: Das muss doch effektiver gehen.
Thomas Laschyk: Dann dachte ich: Hey, ich habe ja den Blog Volksverpetzer. Da kann ich diese ganzen Kommentare ausführlich hinschreiben, das ist vielleicht auch angenehmer. Ohne es zu wissen, habe ich damit sozusagen schon einen Faktencheck gemacht. Ich habe die Texte da hineinkopiert und den Blog als Ablage für meine Recherchen benutzt, damit ich denselben Kommentar immer wieder teilen konnte. Dann haben andere Leute angefangen, das auch zu machen, und gesagt: Hey, gut, dass du dir die Arbeit schon gemacht hast, das nutze ich natürlich auch gerne. So hat es angefangen.
4:20Eine erfundene Meldung, der eigene Blog und die Wut als Antrieb
Thomas Laschyk: Ich habe mir schnell gedacht, man muss dafür ein bisschen mehr Aufmerksamkeit schaffen. Ich glaube, im Oktober 2015 habe ich dann eine Fake News in die Welt gesetzt, mit dem Titel „Flüchtlinge vermüllen Innenstadt“, und habe einfach ein Bild von Müll aus dem Internet genommen. Der Artikel wurde so oft geteilt, dass unser Server zusammengebrochen ist. Egal ob von Rechtsextremen oder nicht, er wurde in sehr vielen AfD-Gruppen geteilt, weil offensichtlich niemand den Artikel gelesen hatte.
Thomas Laschyk: Wenn man auf den Artikel klickte, stand gleich im ersten Satz ganz groß: Das ist eine frei erfundene Nachricht. Dann habe ich beschrieben: Es reicht, nur dieses Bild zu nehmen und diese Behauptung aufzustellen, und es wird in rechtsextremen Gruppen geteilt. Ich habe erklärt, wie diese Gruppen funktionieren und dass man sich bei Faktencheckern umschauen muss. Mit dem Artikel habe ich Rechtsextreme selbst dazu gebracht, diese Meldung zu teilen, und indirekt dann auch diese Aufklärung.
Thomas Laschyk: Dadurch habe ich Kontakt zu Mimikama bekommen und mich fortan bei denen engagiert und dort als Kolumne „Volksverpetzer“ geschrieben, das war 2016, 2017. Den alten Blog habe ich dichtgemacht. Alles als Hobby, wohlgemerkt, nebenher neben meinem Studium. Anfang 2018 sind wir dann getrennte Wege gegangen, weil wir einen etwas anderen Ansatz hatten als Mimikama, ein bisschen emotionaler, ein bisschen kommentierender. Wir haben den Volksverpetzer so aufgestellt, wie er jetzt existiert: als Blog gegen Fake News, für Aufklärung und gegen Verschwörungsmythen. Und dann habe ich auch schon mein Steady eingerichtet, ich glaube, Anfang 2018 war das. Bis Ende 2018 habe ich mein Studium fertig gemacht, konnte meinen Nebenjob kündigen und den Volksverpetzer machen.
Moderation: Das ist krass. Du hast dann nach dem Studium direkt mit dem Volksverpetzer angefangen, im Prinzip Vollzeit. Nicht schlecht. Aber ihr habt natürlich auch sehr, sehr viel Vorarbeit geleistet, sehr lange. Ich denke mir auch: Verliert man da nicht manchmal ein bisschen die Nerven? Es sind ja teilweise schon krasse Dinge im Umlauf.
Thomas Laschyk: Ja, natürlich, es ist manchmal extrem frustrierend. Aber das ist ein bisschen verkehrt herum gedacht. Viele Leute sagen, mich würde das so fertigmachen, sie könnten sich nicht damit beschäftigen. Aber das ist kein Hinderungsgrund, das ist der Grund, warum ich das mache. Ich hatte am Anfang die Wahl: Wenn ich diesen Hass und diese Lügen sehe, schalte ich ab, oder ich versuche, dem etwas entgegenzusetzen. Die ganze Motivation für die Bekämpfung von Fake News, für die Kommentare, für alles andere ist, dass ich mich darüber aufrege.
Thomas Laschyk: Wenn ich das dann aufschreibe, ausführlich nachrecherchiere, ob das stimmt, was ich da meine, das mit Quellen belege und dann auch Nazis Nazis nenne, dann ist das die Art und Weise, wie ich den Ärger verarbeite. Dann habe ich das Gefühl, ich habe etwas dagegen gemacht. Deswegen muss ich an Tagen, an denen ich mir aktiv freinehmen muss, und das ist natürlich auch sehr wichtig, komplett abschalten. Da darf ich auch nicht in Social Media schauen, weil ich sonst wieder etwas sehe, mich aufrege und nichts dagegen machen kann. Das frustriert dann sehr. Deswegen ist das die Motivation und nicht das Hindernis.
8:02Der Start bei Steady im Mai 2018
Moderation: Aber du musst dir schon solche Zeiten nehmen, um psychisch fit und gesund zu bleiben. Okay, du hast schon angemerkt, dass ihr 2018 euer Steady-Projekt gestartet habt. Ich habe vorhin nachgeguckt, es war im Mai 2018, also auch schon sehr lange her, dreieinhalb Jahre. Wie kamst du zu der Entscheidung, und wie war das damals für euch? War das eine leichte Entscheidung, eine logische Entscheidung?
Thomas Laschyk: Eigentlich war es leicht. Wie gesagt, hinter dem Volksverpetzer stand nie der große Profitgedanke, und ich bin auch nicht angetreten, um zu sagen: Das will ich jetzt hauptberuflich machen. Das war ein bisschen mein Engagement, mein Aktivismus nebenbei, wo ich mich auch irgendwie verpflichtet gefühlt habe, das zu tun. Und dann haben mir irgendwann Leute gesagt: Hey, ich finde das super gut, kann man dir nicht irgendwie einen Kaffee spendieren oder so etwas?
Thomas Laschyk: Ich hatte dann PayPal eingerichtet, da kann man so eine Spendenfunktion einrichten. Und ich habe gesehen, dass Leute gefragt haben: Hey, kann ich dir irgendwie jeden Monat 5 Euro überweisen? Und ich so: Ja, hier ist meine Kontonummer, feel free. Das gab es dann öfter. Manche haben gesagt: Kannst du nicht so etwas einrichten wie, vor allem im englischsprachigen Bereich, ich habe gerade den Namen vergessen, das amerikanische Steady? Ich will ja keine Fremdwerbung machen. Aber das war englischsprachig, und die Plattform fand ich auch nicht so gut.
Thomas Laschyk: Ich glaube, auch Fans haben mich auf euch aufmerksam gemacht und gesagt: Hey, richte es doch mal ein. Und ich so: Schaden tut es nicht. Dann habe ich hier 3 Euro, 5 Euro, 10 Euro eingerichtet. Ich habe es nicht großartig beworben. Ich habe gesagt: Ich habe es jetzt eingerichtet, wer möchte, bitte. Und es ging sehr schnell. Zusammen mit den Einzelspenden, die wir auch die ganze Zeit kriegen, war es dann bis Ende 2018, ich weiß gar nicht, wie groß der Betrag bei Steady allein schon war, aber auf jeden Fall groß genug, dass ich mich nach dem Studium nicht nach einem neuen Job umschauen musste. Das lief von allein, es lief sehr gut.
10:31Wie oft man auf die Mitgliedschaft hinweisen sollte
Moderation: Ihr hattet dann aber auch schon den Vorteil, sage ich mal, dass eure Reichweite schon groß war, die ihr euch natürlich auch krass erarbeitet habt. Mein Gedanke ist: Vielleicht hättet ihr auch schon früher starten können. Glaubst du, das hätte geklappt? Oder anders gefragt: Was müsste man tun, wenn man noch nicht so eine große Reichweite hat? Was ist dann wichtig?
Thomas Laschyk: Also ich denke, ja. Wir haben gerade Facebook schon seit 2014 bespielt, und wir hatten davor auch unsere Sharepics und Artikel. Wenn man es dann einmal bewirbt, hat man schon Reichweite, wie du sagst. Ich bin mir sicher, das wäre auch schon früher gegangen. Ich habe einfach nicht daran gedacht. Man muss sich das ein bisschen erarbeiten und natürlich auch verdienen, nehme ich an. Und man muss regelmäßig darauf hinweisen. Auch heute noch, am Ende von Sharepics oder unten an Artikeln, wird immer darauf hingewiesen, weil viele Leute fragen: Hey, kann man euch irgendwie unterstützen? Und ja, das ist alles schon längst da.
Thomas Laschyk: Dann muss man die Leute natürlich auch ein bisschen darauf hinweisen, gerade in Social Media, der Hauptverbreitung, und ihnen niedrigschwellig die Links geben, ohne das zu oft zu machen, finde ich. Denn wenn es irgendwann in jedem Post steht, sind diejenigen, die es schon gesehen haben, irgendwann genervt. Man muss diese Balance finden: es oft genug erwähnen und an geeigneten Stellen darauf hinweisen, ohne es zu übertreiben.
Moderation: Einer unserer Gründer, Sebastian Esser, sagt immer: Man muss so oft dafür werben, bis es einem selbst unangenehm wird, dann hat man die richtige Menge erreicht. Denn wie du selbst sagst, viele haben auch gesagt, sie wussten gar nichts von einem Steady-Projekt. Macht ihr manchmal auch einzelne Kampagnen, oder bleibt es bei euch bei dieser Werbung in den Artikeln, die du gerade beschrieben hast?
Thomas Laschyk: Sehr selten. Wie gesagt, ich versuche nicht, das großartig zu bewerben. Und dann meistens im Tandem mit dem PayPal-Spendenlink: hier bei PayPal, hier bei Steady, das eine für einmaliges, das andere für dauerhaftes Unterstützen. Wir versuchen, es dezent im Hintergrund zu halten, die Möglichkeit immer bei jedem Artikel dabei zu haben, aber großartig posten wir das nicht. Ironischerweise wird es dann immer von irgendwelchen Verschwörungsideologen oder Rechtsextremen gemacht. Denn natürlich wird da immer behauptet, wir seien von Merkel oder Bill Gates oder der Regierung bezahlt oder sonst irgendwas. Und das ist dann immer ein lustiger Aufhänger, um zu sagen: Niemand bezahlt uns, außer ihr über Steady.
Moderation: Dann machen sie eigentlich Werbung für euch.
Thomas Laschyk: Ja. Sie versuchen natürlich, uns damit zu schaden, aber im Endeffekt geben sie uns nur die besten Gelegenheiten, darauf hinzuweisen, wie man uns unterstützen kann.
Moderation: Da sieht man vielleicht, dass ihr inzwischen auch einen guten Umgang mit den ganzen Trollen gefunden habt.
13:56Drohungen, ein Hinweis von Drosten und knapp 500 neue Mitglieder
Thomas Laschyk: Ja, genau, das ist auch unsere Art und Weise, damit umzugehen: uns entweder darüber lustig zu machen oder es eben aufzuzeigen, anstatt dass wir damit allein gelassen werden. Ganz zynisch betrachtet ist es auch die beste Werbung. Es ist natürlich immer noch erschreckend, wenn ich mal wieder eine Morddrohung ins Haus geflattert bekomme. Aber dann zu sagen: Schaut, wie versucht wird, uns einzuschüchtern, das motiviert viele Leute, zu Steady zu gehen. Ironischerweise.
Moderation: Morddrohungen, krass. Wie oft passiert das?
Thomas Laschyk: Meistens sind das Sachen wie: Hört auf! Und dann steht die Drohung ungesagt im Hintergrund. Oder jemand sagt: Man müsste bei euch mal einen Molotowcocktail durchs Fenster schmeißen. Oder einer hat gefragt: Hey, was ist die Adresse von denen, da müsste mal jemand vorbeikommen. Das ist alles nicht justiziabel, deswegen zeigen wir es auch gar nicht mehr an. Aber es ist natürlich klar, was damit erreicht werden soll.
Moderation: Ja, krass. Umso wichtiger, dass man dann eine Community hat, die einen unterstützt und hinter einem steht und einem den Push gibt, damit man den Willen nicht verliert. Ich habe vorhin gefragt, ob ihr manchmal Kampagnen macht. Das war ein bisschen eine Fangfrage, weil ich gesehen habe, dass ihr im Mai dieses Jahres richtig viele Mitglieder gewonnen habt. Inzwischen habt ihr fast 2.000 Mitglieder, glaube ich.
Thomas Laschyk: 1.800, ja.
Moderation: 1.800. Im Mai habt ihr, glaube ich, fast 500 dazugewonnen, habe ich gesehen. Erinnerst du dich, was da passiert ist, was ihr gemacht habt?
Thomas Laschyk: Ich weiß es gar nicht mehr. Lass mich mal nachschauen, was im Mai gewesen ist. War es mal wieder eine Morddrohung oder so? Vielleicht war es auch das: Wir haben einen Shoutout von Professor Drosten auf Twitter bekommen, das war im Mai, glaube ich, und da gab es dann sehr viel drumherum.
Moderation: Krass. Im Chat schreibt gerade jemand: Meines Wissens habt ihr da eine Story zu eurem Steady-Projekt auf Instagram gepostet. Das wäre natürlich auch krass, wenn eine Story reichen würde. Habt ihr da Erfahrungen?
Thomas Laschyk: Wir haben nicht viele Stories gemacht. Wie gesagt, wir versuchen tatsächlich, nicht viel zu bewerben, weil wir nicht den Eindruck erwecken wollen, dass wir es fürs Geld machen. Aber wenn wir es mal machen, dann läuft es doch ganz gut.
Moderation: Zum Beispiel hat jetzt Robert Fischmann eine Mitgliedschaft auf Steady abgeschlossen, schreibt er gerade.
Thomas Laschyk: Ja, ich sehe es gerade, danke dir. Ich glaube, unser Problem beim Volksverpetzer ist tatsächlich: Wir sind heillos überfordert mit den ganzen Fake News. Ich rege mich jeden Tag darüber auf, wie viele Fakes wir nicht behandeln können. Gegen die Märchen von irgendwelchen Querdenkern oder Rechtsextremen sind wir nur ein paar Leute, die das jetzt Gott sei Dank in Vollzeit oder Teilzeit machen können. Aber wir sind die ganze Zeit beschäftigt: Oh, wir müssen das aufklären, wir müssen das aufklären.
Thomas Laschyk: Und dann bleibt sehr oft auf der Strecke, zu überlegen: Hey, wir könnten mal wieder Werbung machen. Wir haben auch einen Merchandise-Shop, und die Leute dort sagen auch immer: Hey, wollt ihr nicht mal wieder Werbung machen? Die Leute wissen gar nicht, dass wir, keine Ahnung, lustige neue linksgrün versiffte vegane Jahresendmänner haben. Und wir vergessen das die ganze Zeit, weil wir uns immer nur mit dem anderen beschäftigen.
18:10Team, Gehälter und fünf Pakete
Moderation: Wie viele seid ihr denn im Team, wenn ich fragen darf?
Thomas Laschyk: Wir sind jetzt sechs Leute, auf vier Stellen aufgerechnet.
Moderation: Und für die ganzen Fake News, die unterwegs sind …
Thomas Laschyk: Nee, überhaupt nicht. Mit doppelt so vielen Leuten könnten wir vielleicht hinterherkommen und alles machen, was wir machen wollen. Und Steady deckt fast ganz die Gehälter der Mitarbeitenden ab. Die anderen Kosten wie Server, Abos und Software, was nicht alles, decken dann die Einzelspenden.
Moderation: Ein Hinweis noch mal an dieser Stelle: Wenn ihr Fragen habt, schreibt sie gerne in den Chat, oder nutzt die Melden-Funktion. Dann taucht ihr ganz oben auf und könnt eure Frage direkt stellen. Ansonsten würde ich dich noch nach euren Paketen fragen. Wie seid ihr dazu gekommen, was ist eure Strategie hinter der Preisgestaltung? Wie habt ihr das festgelegt und gestaltet?
Thomas Laschyk: Ja, genau, wir haben jetzt, oh, wo ist es denn, ich bin gerade im falschen Menü, wir haben 3, 5, 10, 25 und 50 eingerichtet. Ich glaube, es ist ungewöhnlich: Wir haben keine Gegenleistungen. Das kam mir ein bisschen komisch vor, ich wusste auch nicht, was ich da groß als Belohnung geben sollte.
Moderation: Das funktioniert auch, das ist nicht ungewöhnlich.
Thomas Laschyk: Okay. Ich habe immer so ein schlechtes Gewissen gehabt: Die kriegen ja nichts dafür. Aber natürlich machen wir dafür unsere Arbeit, und das ist das, was die Leute dann auch wollen. Ich wollte es natürlich auch sehr kleinteilig möglich machen, weil viele Leute uns sagen: Wir haben nicht so viel Geld, möchten aber trotzdem unterstützen. Denen sage ich meistens: Wenn ihr kein Geld habt, dann unterstützt uns bitte nicht mit Geld, sondern mit Klicks und Teilen. Das ist auch enorm viel wert.
Thomas Laschyk: Aber für die, die trotzdem etwas geben wollen: 3, 5, 10 dachte ich mir, ist ganz gut am Anfang. Das waren die ersten drei, die wir gemacht haben, und wenn ich sehe, wie viele Leute das ausgewählt haben, ist es, glaube ich, auch ganz gut. Später haben wir 25 dazugenommen, weil viele geschrieben haben: Ich habe 10 genommen, weil es das Höchste war, aber ich hätte euch gerne mehr gegeben. Und dann noch mal 50. Ich finde, das ist enorm viel Geld, ich finde es auch richtig krass, aber es gibt tatsächlich Leute, die das abgeschlossen haben und uns so unterstützen wollen. Denen wollte ich trotzdem die Möglichkeit geben.
Thomas Laschyk: Aber weil es mir dann auch ein bisschen viel war, gibt es dafür etwas: Man kriegt 20 Prozent Dauerrabatt in unserem Merch-Shop. Wer es abschließt, bekommt von uns einen personalisierten Rabattcode, den er dort verwenden kann. Das ist jetzt nicht viel, aber ich dachte, es ist fair. Und es gibt ein Dankeschön-Geschenk, eine schöne Box mit unserem Logo drauf und mit Lufterfrischer-Blumen für sauberes Klima, das echte Klima [unverständlich]. Das gibt es als Dankeschön für die 50-Euro-Spender:innen.
Moderation: Das macht, glaube ich, auch ultra Sinn für die Fans, für die Ultras, dass sie sich dann im Merch austoben können. Es kam eine Frage von Tobias im Chat. Möchtest du sie schnell selbst stellen?
22:17Ein Vollzeitjob und die Pläne für die Zukunft
Publikum: Ja, kann ich machen. Du hast ja auch Angestellte und so weiter. Die Frage ist: Wovon lebst du? Lebst du auch von Steady, oder hast du noch einen Zusatzjob?
Thomas Laschyk: Nee, nee, ich mache das auch hauptberuflich. Ich bin einer von den vier Vollzeitstellen und finanziere mich da auch selbst. Wenn ich noch irgendwo anders arbeiten müsste, könnte ich das auf keinen Fall machen. Das ist definitiv ein Vollzeitjob. Inzwischen ist mein Problem sogar, dass ich gar nicht mehr so viel zum Faktenchecken komme, wie ich gerne möchte. Ich muss jetzt auch Buchhaltung machen und mich teilweise ums Delegieren kümmern: Wer schreibt was, wer recherchiert was. Ich bin gerade viel mehr im Hintergrund, als ich mag. Denn was mir letztlich Spaß macht, ist natürlich das Schreiben.
Moderation: Im Chat gerade eine Anmerkung: „Volksverpetzer der BRD GmbH“. Genau, den Titel kannst du natürlich tragen. Wie siehst du das Projekt sich weiterentwickeln, auch weil du sagst, dass du immer weniger Zeit hast, selbst Fakten zu checken, was ja die Arbeit ist, die du gerne machst? Hast du Pläne für die Zukunft, oder wirst du das Projekt irgendwann wütend zerknüllen und in die Ecke schmeißen?
Thomas Laschyk: Nee, es macht natürlich auch enorm viel Spaß, auch wenn es jetzt teilweise mehr Stress ist als Spaß. Ich glaube, das kommt immer, wenn man sein Hobby zum Beruf macht. Ich habe nie weit in die Zukunft geplant, sondern immer die nächsten paar Monate. Natürlich wollen wir weitermachen mit dem, was wir machen. Ich sehe da auch enorm viel Potenzial. Ich habe ja gesagt: Es gibt super viele Fake News jeden Tag, die liegen bleiben, und ich möchte gerne, dass wir das alles schaffen.
Thomas Laschyk: Es gibt viele Fake News, die wir nicht schaffen und die auch mal angesprochen werden müssten, Analysen, Hintergründe. Teilweise machen wir auch ein paar oberflächliche Sachen. Dann sammle ich schnell die Reaktionen in den Querdenker- und AfD-Gruppen auf Lauterbach, anstatt vielleicht einen großen Faktencheck zu machen: Was hat Lauterbach alles zu Corona gesagt, und hat das immer gestimmt? Das wäre auch enorm interessant, aber es ist viel, viel mehr Arbeit. Das ist in Arbeit, aber es geht nicht so schnell. Da hätte ich gerne mehr Leute. Wir würden gerne weiter wachsen, und ich würde gerne neue Leute einstellen, die sich um Recherche, Grafik et cetera kümmern. Dafür könnten mehr Steady-Abos helfen.
25:05Video, Wissenschaft und gute Geschichten gegen Fake News
Moderation: Die sind schon hereingekommen, während wir sprechen. Jetzt hat auch Lukas noch eine Frage.
Publikum: Ich habe gesehen, dass ihr in den unterschiedlichsten Formaten arbeitet: Kommentare, für Social Media geschnittene Sachen, längere Recherchen, Podcasts, Videos. Was macht euch am meisten Spaß, was würdet ihr am liebsten noch mehr machen?
Thomas Laschyk: Kommt darauf an. Mir macht Video auch viel Spaß. Das Problem ist: Wir haben keine feste Person, die die Sachen gut schneiden kann. Dann müssen wir es an Leute außerhalb geben, und das dauert meistens. Deswegen ist das als Format noch nicht so eingespielt. Aber ich mag es eigentlich sehr gerne, weil es viele Möglichkeiten gibt, die ich im Artikel nicht habe. Manches wird plastischer, wenn man Sachen erklären möchte.
Thomas Laschyk: Wir setzen uns natürlich auch sehr viel mit der Wissenschaft von Faktenchecks auseinander. Wir haben mit einer Expertin von der LMU geredet, die eine Studie über die Wirksamkeit von Faktenchecks gemacht hat. Sie hat uns auch gesagt: Eigentlich ist das Videoformat dasjenige, das in Social Media am besten funktioniert, auch für Faktenchecks, und eigentlich müsste man viel mehr Video-Faktenchecks machen. Da wollen wir auf jeden Fall hin. Und jeder hat seine Vorlieben, ich persönlich mag Twitter ganz gerne.
Publikum: Bezüglich dieser Studie: Das deutet dann auch darauf hin, dass die Böhmermanns und John Olivers dieser Welt für sich das richtige Format nutzen.
Thomas Laschyk: Ja, ich sage immer, ich habe ein großes Vorbild in den Wissenschaftler:innen, die diese Aufklärung machen und die Fakten überprüfen. Ich persönlich bin ein sehr großer Fan von sehr trockenen, sehr sachlichen Analysen. Aber das hat auch starke Limitierungen. Wenn man Leute überzeugen will, die auf Fake News hereingefallen sind oder hereinfallen könnten, geht das nicht mit trockenen Fakten. Sie glauben ja nicht wegen trockener Fakten an die Fake News. Man kann niemanden mit Fakten von etwas abbringen, wovon er vorher nicht mit Fakten überzeugt wurde, sondern mit Emotionen, mit guten Geschichten.
Thomas Laschyk: Deswegen ist die andere Seite unserer Vorbilder zum Beispiel John Oliver. Ich wäre wirklich begeistert, wenn wir so ein kleines Format wie John Oliver hinkriegen könnten: ein sehr detailliertes, sehr gut recherchiertes Thema humorvoll aufbereitet im Videoformat. Weil das nachweislich funktioniert und Leute erreicht. Das Problem ist ja: Wir kämpfen mit trockenen Fakten gegen gute Geschichten ohne Fakten, und die verkaufen sich natürlich besser. Das ist mir auch im Studium aufgefallen. Ich habe Literaturwissenschaft studiert und in meiner Masterarbeit analysiert, dass Fake News gutes Storytelling benutzen und dadurch erfolgreich sind. Deswegen versuchen wir, das auch anzuwenden, im Kampf gegen Fake News, sie mit den eigenen Waffen zu schlagen.
28:33Was sind Fake News?
Moderation: Kurzer Hinweis: Im nächsten Raum geht es weiter mit einer anderen Session. Da wird jetzt Manuel Fritsch vom Gaming-Podcast Insert Moin sprechen. Wenn ihr da hinwollt, könnt ihr unten den Raum wechseln. Dieser Raum bleibt aber auch noch ein bisschen offen, und ich finde es mega spannend, was du erzählst, Thomas. Wenn du noch ein bisschen Zeit hast, können wir vielleicht noch ein paar Minuten hierbleiben. Ich hätte nämlich auch noch eine Frage, aber Eric Bonse hat auch noch eine Frage im Chat. Eric, willst du sie selbst stellen, oder soll ich sie vorlesen?
Publikum: Lies ruhig vor.
Moderation: Alles klar, gerne. Also: Was sind Fake News? Wir reden hier die ganze Zeit darüber, und er fragt: Was sind für euch Fake News, und wo kommen sie her?
Publikum: Vielleicht ganz kurz der Hintergrund: Ich sitze hier in Brüssel, und da heißt es immer, Fake News kommen nur aus Russland, sonst gibt es das gar nicht.
Thomas Laschyk: Sie kommen nicht nur aus Russland, von dort natürlich auch. Fake News als Phänomen ist ein bisschen schwammig, weil der Begriff als Kampfbegriff verwendet wird, von denjenigen, die sie auch streuen, und gleichzeitig als wissenschaftlicher Begriff. In meiner Definition sind Fake News nicht zwingend falsche Tatsachenbehauptungen. Es gibt falsche Nachrichten, die keine Fake News sind, und es gibt wahre Nachrichten, die Fake News sind, auch wenn das paradox klingen mag. Es geht darum, welche Narrative, welche Mythen, welche Verschwörungsmythen, welche Weltbilder damit transportiert werden.
Thomas Laschyk: Inzwischen sind professionelle Desinformationsverbreiter:innen so gut darin, dass sie technisch gesehen so gut wie nie lügen, also nie wirklich eine Sache frei erfinden. Man kann sehr selektiv, durch Framing, durch das Herauspicken einzelner Nachrichten oder einzelner Details von Nachrichten falsche Eindrücke erwecken, ohne je technisch gesehen gelogen zu haben: durch rhetorische Fragen, durch Suggestivfragen, durch Auslassungen. Und das sind auch alles Fake News. Vielleicht ist Desinformation ein praktischerer Begriff, aber Fake News ist gängiger und auch kürzer, was Zeichenlimits angeht. Deswegen verwenden wir es natürlich gerne. Aber es ist ein komplexes Ding, und es hängt immer vom Kontext ab, auch von der teilweise nicht so deutlichen Intention des Verbreiters oder der Verbreiterin.
31:20Warum so viele den Volksverpetzer unterstützen
Moderation: Ich hätte noch eine Frage, die wieder in eine andere Richtung geht, zu eurer Community, weil die wirklich wahnsinnig groß ist. Du hast ja erzählt, dass ihr euer Steady-Projekt gestartet und sofort sehr viele Mitglieder gewonnen habt. Wie habt ihr das gemacht? Kommt das vor allem über die Art der Inhalte, oder macht ihr irgendwie Community-Building? Das kann ich mir wiederum schwer vorstellen, weil du schon meintest, ihr habt keine Zeit.
Thomas Laschyk: Ich versuche gerade selbst, das herauszufinden. Ich habe mich letztens wieder mit ein paar Freunden getroffen, die ich seit vor der Pandemie nicht mehr gesehen hatte, und seitdem sind wir auch enorm gewachsen. Ich habe gesagt: Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, warum so viele Leute so begeistert sind und uns unterstützen. Das freut mich natürlich riesig und ist eine Bestätigung meiner Arbeit, aber ich weiß es nicht so genau.
Thomas Laschyk: Die Freundin hat gesagt: Ihr sprecht die Dinge aus, die viele Leute auch fühlen, und ihr macht die Sachen, für die viele Leute keine Zeit haben. Wenn du nach der Arbeit auf der Couch sitzt, am Handy, und irgendeiner schreibt irgendeine Fake News über Impfungen oder was nicht alles, dann weißt du, dass es natürlich falsch ist. Aber wer hat die Zeit und das Know-how, das in kurzer Zeit zu recherchieren, es auch noch sinnvoll aufzuschreiben und dann auch noch die Reichweite zu haben? Deswegen nehmen wir vielen Leuten die Arbeit ab, und das macht enorm viele Leute glücklich.
Thomas Laschyk: Und wir sprechen die Dinge so aus, wie sie sie auch fühlen. Das machen andere Seiten und Gruppen, die gegen Fake News arbeiten, vielleicht nicht in dem Ausmaß, weil sie mehr den Fokus darauf haben, die Informationen sachlich und neutral zu übermitteln. Das finde ich auch wertvoll. Aber wir bieten diesen emotionalen Mehrwert, weil wir auch Satire benutzen, weil wir auch Ironie und Selbstironie gerne verwenden. Und ich denke, anscheinend kommt das gut an.
33:47Was andere vom Volksverpetzer lernen können
Moderation: Wenn dann keine Fragen mehr sind: Ich hätte noch tausend Fragen, ich finde es super spannend. Aber wir sind auch schon über der Zeit, und ich will dich nicht zu sehr beanspruchen. Vielleicht noch eine letzte Frage, weil ich sie allen anderen auch gestellt habe und es immer interessant fand: Was sind die Lehren, die du aus deinem Steady-Projekt gezogen hast? Ihr macht es jetzt schon ein paar Jahre. Was könntest du an Leute weitergeben, die an einem ähnlichen Punkt sind wie du vor drei Jahren, bevor du gestartet bist?
Thomas Laschyk: Es gibt viel mehr Unterstützung von außen, als man denkt. Es kommt viel zu oft vor, dass man denkt, man ist ziemlich allein mit seinem Projekt, ziemlich allein im Kampf gegen das, wogegen man kämpft, oder in der Produktion von was auch immer. Durch Social Media, durch das Internet hat man eine großartige Möglichkeit, sehr niedrigschwellig dazuzustoßen und die Sachen zu machen, die man machen möchte. Und es gibt viele Leute, die gerne bereit sind, dafür zu zahlen, wenn es guter Content ist, wenn sie davon überzeugt sind und wenn man das auch regelmäßig hinkriegt.
Thomas Laschyk: Deswegen sollte man sich am Anfang vielleicht gar nicht zu viele Sorgen machen, ob das überhaupt jemand sehen will. Mach, was dir Spaß macht, was du machen willst und am besten noch, was du gut kannst. Bleib dran, mach es am besten regelmäßig. Wenn es den Leuten gefällt, dann werden sie dich auch unterstützen, finanziell, mit Kritik, mit Reichweite. Dann hör auf die Community und mach weiter, was du für richtig hältst. Dann kommt es schon von allein. Da ist viel mehr Luft nach oben, als du denkst.
Moderation: Das ist ein schöner Ratschlag. Den habe ich heute tatsächlich auch schon öfter von anderen gehört, da muss ja was dran sein.
Thomas Laschyk: Ja, dann ist sicher was dran.
Moderation: Und bei euch sieht man ja auch, dass es gut läuft. Gerade jetzt hat im Chat wieder jemand geschrieben, dass ihr extrem wichtige Arbeit leistet und dass das für ihn der Grund ist, Leser zu werden. Und Anna hat das noch mal unterstützt. Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen und uns hier spannende Einblicke gegeben hast. Ich fand es super spannend, die Gäste hier, denke ich, auch. Ich wünsche dir alles Gute. Und an die Gäste: Vielen Dank, dass ihr da wart und zugehört habt.
Thomas Laschyk: Ja, danke euch allen.