Fallstudie · Cartoon-Reihe

Wie Joscha Sauer seine NICHTLUSTIG-Cartoons kostenlos zeigt und mit Bonuspanels Unterstützer:innen gewinnt

Joscha Sauer zeichnet seit 21 Jahren die Cartoons von NICHTLUSTIG. Nach Jahren mit Merchandise, Verlagsdruck und einer aufwendigen Trickfilmserie suchte er ein Modell, das ihn nicht wieder zum ständigen Liefern zwingt. Seine Cartoons bleiben kostenlos. Wer ihn auf Steady unterstützt, sieht zu jedem Cartoon ein Bonuspanel, eine kleine Fortsetzung ohne Farbe, die wenig Arbeit macht. Die Mitgliedschaft gibt ihm zum Zeitpunkt des Gesprächs Zeit für Projekte, die nichts einbringen müssen.

Mit Joscha Sauer (Cartoonist und Comiczeichner, zeichnet NICHTLUSTIG) · Podcast 33:50

zeichnet Joscha Sauer NICHTLUSTIG-Cartoons (zum Zeitpunkt des Gesprächs, Dezember 2021)
21 Jahre
ältere Cartoons, zu denen er Bonuspanels zeichnen kann (zum Zeitpunkt des Gesprächs)
ca. 1.500
im Monat kosten die Pakete, alle mit gleichem Inhalt (zum Zeitpunkt des Gesprächs)
3 / 5 / 9 €
kostet ihn das Kolorieren eines Cartoons; bei den Bonuspanels lässt er die Farbe weg
1,5–2 Std.

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0:00Vorspann: Gespräche vom Steady Growth Day 2021

Joscha Sauer: Da jetzt eine Möglichkeit zu haben, die mir erlaubt, auch Zeit abzuzwacken und mich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht kommerziell sind, an Projekten zu arbeiten, die vielleicht nirgendwo hinführen, aber mir guttun: Das ist, glaube ich, die größte Freiheit, die ich dadurch bekommen habe, dass das gut angekommen ist und mich mittlerweile viele Leute unterstützen.

Hi, ich bin Tina Dingel, die Geschäftsführerin von Steady. Mehr denn je braucht unsere Gesellschaft unabhängige Medien mit starken Stimmen, die etwas zu sagen haben. Stimmen wie euch. Und während es immer einfacher wird, ein eigenes digitales Medienprojekt zu starten, brauchen Online-Medien eine gute Lösung, wie sie sich nachhaltig finanzieren können. Immer mehr Medienmacher:innen setzen dafür auf Mitgliedschaften, also auf die regelmäßige finanzielle Unterstützung durch das eigene Publikum.

Aber wie geht das genau? Beim ersten Steady Growth Day im Dezember 2021 sind wir der Frage auf den Grund gegangen: Wie kann man als Medienmacher:in unabhängig bleiben, Geld verdienen und wachsen? Wir haben mit namhaften Medienmacher:innen gesprochen und sie gefragt: Was hat funktioniert, was nicht? Was sind ihre Geheimtipps? Welche Tricks und Strategien machen ein Mitgliedschaftsmodell zum Erfolg? In diesem Podcast könnt ihr die Gespräche nachhören. Und wenn ihr mehr wissen wollt, schreibt uns auf Social Media oder per Mail an support.steadyhq.com.

In diesem Talk spricht Steady-Gründer Gabriel Yoran mit Joscha Sauer. Joscha werden die meisten von euch durch seine NICHTLUSTIG-Cartoons kennen. Joscha hat allerdings noch viel mehr im Köcher. Er hat seine eigene Trickfilmserie produziert, Bücher herausgegeben und fast ein ganzes Jahr mit der Produktion von Eieruhren verbracht. Warum ausgerechnet die Eieruhren ein Wendepunkt in seiner Karriere waren, warum er irgendwann Merchandise gegen Crowdfunding getauscht hat und wieso es ihm so schwerfiel, sich auf Steady einzulassen, er heute aber total begeistert ist: All das erzählt er in den nächsten 30 Minuten. Viel Spaß beim Zuhören!

2:02Cartoonist oder Comiczeichner?

Gabriel Yoran: Hallo und willkommen zum Steady Growth Day. Mein Gast ist der Cartoonist Joscha Sauer. Hallo Joscha.

Joscha Sauer: Hallo Gabriel, schön, dich zu sehen.

Gabriel Yoran: Du gehörst zu den Publishern, die schon sehr viele Sachen ausprobiert haben, und das auch erfolgreich. Du hast crossmediale Dinge getan, du hast einen Film produziert, Bücher herausgegeben, jeden Tag einen Cartoon, seit ungefähr hundert Jahren. Ist Cartoonist die richtige Bezeichnung?

Joscha Sauer: Es ist die Bezeichnung, unter der mich die meisten Leute kennen, oder Comiczeichner. Selbst Cartoonist hat sich erst in den letzten Jahren ein bisschen mehr eingebürgert. Mir ist relativ egal, was Leute sagen. Ich weiß, dass ich mittlerweile extrem viel Krempel ausprobiert und gemacht habe. Aber wenn Leute mich fragen, was ich mache: Momentan mache ich hauptsächlich wieder Cartoons, und dann ist es auch total okay, wenn mich Leute Cartoonist nennen. Früher habe ich da eher ein bisschen Grundsatzdiskussionen geführt, mittlerweile ist es total schnuppe.

Gabriel Yoran: Das habe ich heute schon ein paarmal von anderen Publishern gehört: dass sie früher immer erklären, begründen und rechtfertigen mussten. Und heute machen sie einfach ihr Ding.

Joscha Sauer: Ja, das geht auch damit einher, dass man irgendwann merkt, dass ein Begriff nicht wirklich definiert, was man tut. Er hilft eher dem Gegenüber, etwas einzuordnen, oder sagt, woher mich jemand kennt. Und die meisten Leute kennen mich natürlich über meine NICHTLUSTIG-Cartoons. Dann ist das für mich auch in Ordnung, wenn sie mich erst einmal hauptsächlich als Cartoonist sehen.

3:42Cartoons, Blog, Podcast: ein Rundgang über die Website

Gabriel Yoran: Für die zwei Leute, die Joscha oder NICHTLUSTIG nicht kennen, teile ich hier kurz Joschas aktuelle Homepage. Da kann man schon sehen, was bei dir alles passiert: Cartoons, Blog und Podcast, NICHTLUSTIG – Die Serie, Shop und Newsletter, das volle Programm. Magst du uns durchführen, was es hier gibt, was was ist und warum es das gibt?

Joscha Sauer: Sehr gerne. Es kommen immer wieder Punkte dazu, die nur vorübergehend sind, oder es fallen Punkte weg, bei denen ich denke: Da habe ich so lange nichts gemacht, es ist unsinnig, dass das einen eigenen Punkt auf der Website hat. Wie ich gerade schon gesagt habe: Das Wichtigste sind nach wie vor für mich und wahrscheinlich auch für alle anderen Leute da draußen die Cartoons. Die mache ich seit mittlerweile 21 Jahren. Und es stimmt nicht ganz, was du gerade in der Einleitung gesagt hast: Ich mache nicht seit 21 Jahren täglich einen neuen Cartoon. Ich habe immer wieder Phasen, in denen ich mehr Cartoons mache, und hatte sogar ein paar Jahre, in denen ich keine Cartoons gemacht habe.

Joscha Sauer: Erst letztes Jahr ging das bei mir wieder richtig los. Ehrlich gesagt auch, und darüber können wir nachher reden, weil ich das Gefühl hatte, mit Steady eine andere Basis gefunden zu haben, auf der ich Dinge wieder mehr ausprobieren kann. Ich hatte mich über die ersten 15 Jahre irgendwann ein bisschen in die Ecke manövriert und hatte das Gefühl, da geht es für mich nicht groß weiter.

Joscha Sauer: Auf der Website gibt es außerdem einen Blog, auf dem ich abladen kann, was mir alle paar Monate wichtig ist. Den befeuere ich nicht konstant. Es kann sein, dass ich da alle paar Wochen etwas veröffentliche, es kann aber auch sein, dass ein halbes Jahr nichts passiert. Dann hatte ich eine Zeit lang mit einem guten Freund und Kollegen, Heiko, einen Podcast, Peinliches Schweigen, bei dem wir selbst nicht so richtig sicher sind, ob es den noch gibt. Da liegt gerade alles ein bisschen auf Halde.

5:43Ein Shop ohne Lager, ein Buch ohne Verlag

Joscha Sauer: Und es gibt wieder einen kleinen Shop, nachdem ich dem Merchandise vor ein paar Jahren eigentlich abgeschworen hatte. Es gab eine Zeit, in der ich extrem viel Merchandise gemacht habe, und das war auch ein großer Teil meiner Einnahmen. Das war mit ein Grund, warum ich irgendwann gesagt habe: Ich möchte das so nicht mehr. Diese Art, Geld zu verdienen, also Cartoons zu machen, aber das Geld eigentlich über Merchandise und Pipapo zu verdienen, war nicht mehr meins. Deswegen ist das jetzt ein On-Demand-Shop, bei dem ich nicht gezwungen bin, ständig neue Produkte zu liefern, und bei dem man kein riesengroßes Lager hat, in dem ständig alles vorrätig sein muss. Gleichzeitig kann ich darüber Produkte verkaufen, die mir am Herzen liegen.

Joscha Sauer: Ich habe gerade nach langer Zeit wieder ein eigenes Buch gemacht, diesmal ohne Verlag. Das ist für mich gerade das letzte große Experiment: ob ich Bücher auch komplett unabhängig produzieren kann. Und das funktioniert bis jetzt sehr gut. Ich bin sehr begeistert, und es ist seit langer Zeit ein Buch, das mir wieder etwas bedeutet. Es hat mich selbst überrascht, wie emotional es für mich war, wieder ein Buch zu machen. Das hätte ich nicht erwartet.

Joscha Sauer: Habe ich einen Punkt ausgelassen? Der Newsletter war, glaube ich, das Letzte, was momentan auf der Seite … Ach, die Trickfilmserie! Ganz vergessen. Der Grund, warum ich fast fünf Jahre lang kaum Cartoons gemacht habe, war, dass ich mich in die Arbeit an einer Trickfilmserie gestürzt habe. Die habe ich mit einem schönen kleinen Team auf die Beine gestellt, finanziert durch Crowdfunding. Wir haben relativ lange versucht, sie auf dem klassischen Weg an Sender oder Streamingdienste zu verkaufen. Das hat nicht gut funktioniert. Irgendwann habe ich gesagt: Ich möchte das jetzt machen, wir machen ein Crowdfunding. Über Kickstarter haben wir dann knapp eine halbe Million Euro gesammelt und hatten damit ein paar Jahre zu tun. Das war ein großes Projekt. Und dann gibt es noch den Newsletter, über den man alle neuen Sachen bekommt, inklusive Cartoons und Pipapo. Das ist der grobe Abriss.

7:55Viele Kanäle oder eine engere Verbindung?

Gabriel Yoran: Du machst das eigentlich genau so, wie wir es den Publishern immer raten.

Joscha Sauer: Okay, was ratet ihr denen denn? Macht mehr Cartoons?

Gabriel Yoran: Ja genau, macht mehr Cartoons. Lustiger, bitte.

Joscha Sauer: Nein, nicht so lustig.

Gabriel Yoran: Nee, wir raten, nicht alles auf eine Karte zu setzen und das, was man kann, und die Inhalte, die man macht, auf möglichst vielen Kanälen auszuspielen. Und damit mehr daraus zu machen, als sie an einer Stelle einmal zu verfeuern, und das war's. Denn so erreicht man nicht so viele Menschen, wie man erreichen könnte, wenn man den Cartoon zum Beispiel auch noch als Newsletter verschickt. Wir haben oft Diskussionen mit Publishern, die sagen: Ich möchte keinen Newsletter machen, weil es mir zu viel Arbeit macht, mir noch einmal etwas Neues auszudenken. Und wir sagen dann: That's not the point. Darum geht es beim Newsletter gar nicht.

Joscha Sauer: Ja, es geht nur darum, möglichst viele Kanäle zu bespielen, damit es Leute erreicht. Das war lange Zeit natürlich auch eine kleine Obsession von mir: Wie erweitert man seine Reichweite? Ehrlich gesagt habe ich in den letzten Jahren eher versucht, mich ein bisschen davon zu lösen. Das ist natürlich eine luxuriöse Position: Ich habe vorher 20 Jahre damit verbracht, mir eine Community und eine Reichweite auf verschiedenen Kanälen aufzubauen. Und irgendwann bin ich an einen Punkt gekommen, an dem ich hinterfragt habe, warum.

Joscha Sauer: Nicht falsch verstehen, ich finde es natürlich schön, wenn viele Leute meine Sachen angucken. Aber es war ganz konkret die Frage: Was bringt mir das eigentlich, wenn extrem viele Leute meine Sachen nur angucken? Am Ende muss ich doch wieder schauen, wie ich diese vielen, vielen Leute dazu kriege, noch etwas anderes von mir zu kaufen, in dem Fall Merchandise oder Bücher. Das fand ich irgendwann seltsam doppelt gemoppelt. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich lieber darauf konzentrieren will, wie ich zu den Leuten, die ich ohnehin schon erreiche, eine interessantere Verbindung aufbauen kann. Und darauf, was mich motiviert, die Kanäle, über die ich viele Leute erreiche, überhaupt zu nutzen.

10:14In der Ecke: Merchandise und Lieferdruck

Gabriel Yoran: Du hast vorhin gesagt, du hättest dich in eine Ecke manövriert, in der du nicht sein wolltest oder aus der du scheinbar nicht herauskamst. Wann war das, und was war das für eine Ecke?

Joscha Sauer: Ich überlege gerade, ob man das so genau auf einen Zeitpunkt festlegen kann. Ich würde sagen, das war die erste Hälfte der Zehnerjahre, also wahrscheinlich 2010 bis 2015. Da habe ich gemerkt, dass einerseits viele Dinge bei mir sehr erfolgreich liefen. Es kamen immer noch neue Bücher heraus, ich habe Cartoons gemacht und gleichzeitig Merchandise. Aber ich habe gemerkt, dass mir vor allem die Art, wie ich damals gearbeitet habe, nämlich sehr für mich allein, auf Dauer nicht gutgetan hat.

Joscha Sauer: Ich hatte das Gefühl, ich muss konstant liefern, und gerade beim Merchandise nicht aus einer kreativen Motivation heraus, nicht, weil ich etwas wirklich gern machen wollte. Ich hatte da ein Monster erschaffen. Am Anfang war es interessant, Merchandise zu machen. Dann wurde daraus eine komplette Firma, bei der auch Leute angestellt waren. Und plötzlich ging es nur noch darum: Wie können wir möglichst schnell neue Produkte machen, die auch erfolgreich sind, damit sich die ganze Maschinerie überhaupt lohnt?

Joscha Sauer: Bei den Büchern war es irgendwann ähnlich. Ich habe gemerkt, ich will eigentlich nichts veröffentlichen, wenn ich nicht das Gefühl habe, dass ich einen guten kreativen Output habe. Aber von Verlagsseite musste das trotzdem passieren, damit das Thema im Buchhandel lebendig bleibt. So gab es viele Bereiche, in denen ich das Gefühl hatte: Andere Leute verlassen sich darauf, dass ich konstant weiterliefere. Und ich verliere mich kreativ, weil ich nicht das Gefühl habe, dass ich noch etwas für mich mache oder vorwärtskomme. Skurrilerweise war das für mich nicht einmal finanziell besonders motivierend, weil gerade das Merchandise darauf basierte, dass man alles, was unten herauskam, oben direkt wieder hineingeworfen hat, um die nächsten Produktionen zu finanzieren.

Gabriel Yoran: Kannst du ein Beispiel geben, was das für Merch-Sachen waren?

Joscha Sauer: Ja, klar. Alles Mögliche. Eine Zeit lang gab es extrem viel: Figuren, Schlüsselanhänger, Frühstücksbrettchen, ganz klassisch natürlich T-Shirts und Tassen, und skurrilere Sachen wie Eieruhren haben wir auch probiert. Alles war mit einer hohen Lernkurve verbunden. Ich weiß jetzt zum Beispiel, dass Eieruhren vorn nicht zu schwer sein dürfen, weil sonst der Mechanismus beim Aufdrehen blockiert. Und plötzlich hatten wir, glaube ich, 10.000 sehr, sehr teure Türstopper im Lager stehen.

13:03Eieruhren, Burnout und die Idee mit dem Trickfilm

Gabriel Yoran: Wow. Ihr habt nicht einfach bestehende Eieruhren eingekauft und bedruckt?

Joscha Sauer: Nein, nein. Das war wieder die Hybris, die ich hatte. Ich dachte, wenn ich schon diese Möglichkeit habe, möchte ich nicht einfach eine Eieruhr nehmen und meinen Stempel draufmachen. Ich wollte, dass der Dinosaurier, der aus der Zeitmaschine kommt, eine Figur von mir, die immer wieder auftaucht, wirklich dreidimensional in der Eieruhr steckt und man an dem Dinosaurier drehen kann. Das sind schöne Ideen. Aber ich habe gerade in den letzten zehn Jahren gelernt, dass es eine Menge schöner Ideen gibt und man trotzdem sehr vorsichtig sein sollte, zumindest in meinem Fall, welche man weiterverfolgt. Sie bringen viele Stolpersteine mit und fressen sehr viel Zeit und Energie.

Joscha Sauer: Dann ist die Frage: Will man wirklich so viel Zeit, Energie und in dem Fall auch Geld in eine Eieruhrenproduktion investieren? Irgendwann habe ich für mich gemerkt: Nein, will ich nicht. Das ist nicht das, worauf ich zurückblicke und sage: Boah, 2012, da habe ich richtig gute Eieruhren produziert. An dem Punkt war ich dann. Ich habe gemerkt, eigentlich ist mir das gerade alles zu viel. Ich kann es aber auch nicht anhalten, weil ich das Gefühl habe, verantwortlich für andere Leute zu sein, die mit dranhängen.

Joscha Sauer: Wahrscheinlich war es ein Burnout. Ich bin da vorsichtig, das Wort zu inflationär zu benutzen. Aber es ging mir eine Zeit lang wirklich nicht gut. Ich habe damals auch schon überlegt, ob ich mit NICHTLUSTIG komplett aufhören soll, weil ich gemerkt habe: Es macht mir keinen Spaß, ich möchte etwas anderes, ich möchte mich kreativ viel freier bewegen. Ich habe mich ein bisschen nach der Zeit zurückgesehnt, in der alles noch am Anfang war und man das Gefühl hatte, sich nicht festgelegt zu haben. NICHTLUSTIG als Marke ist schon dadurch festgelegt, dass es ganz klar mit Humor zu tun hat, und in meinem Fall mit Cartoons und Zeichnungen. Allein dadurch hatte ich das Gefühl, ich muss ständig lustig sein und das ständig liefern. Mir fehlte schon zeitlich und von der Energie her die Möglichkeit, mich in andere Richtungen zu bewegen.

Joscha Sauer: Mein erster Gedanke war dann: Entweder breche ich das komplett ab, oder ich mache etwas, das ich schon länger tun will, nämlich die Trickfilmserie. Das war immer die Idee: Ich verdiene mit Merchandise Geld, um eine Trickfilmserie zu finanzieren. Wie gesagt, das hat nie wirklich funktioniert. Und dann haben wir diese Crowdfundings gemacht. Das war spannend, plötzlich war da wieder etwas, bei dem ich gemerkt habe: Das zündet wieder etwas in mir an. Vor allem diese Idee, dass Leute über das reine Ansehen hinaus, über ein „Ich klicke hier und like das“ hinaus, mir wirklich zeigen: Ich bin gewillt, dir Geld zu geben, weil ich glaube, dass du etwas Tolles machst.

15:54Die Trickfilmserie als Filmschule

Gabriel Yoran: Hattest du beim Wechsel von Cartoons, von Einzelpanels, zu einem animierten Film Zweifel, ob das funktioniert, ob du das kannst, ob du in diesem Medium erzählen kannst?

Joscha Sauer: Ich schwanke ja immer zwischen Größenwahn und Zweifel.

Gabriel Yoran: Da bist du in großer, sehr guter Gesellschaft mit anderen Steady-Publishern.

Joscha Sauer: Ja, das glaube ich auch. Selbst das ist nichts Besonderes. Natürlich hatte ich Zweifel, und ich fand die ersten Sachen, die ich da gemacht habe, auch nicht gut. Wir hatten 2012 eine Pilotfolge gemacht, damals mit einem anderen Setup und einem anderen Team. Im Nachhinein fand ich es immer ein bisschen unangenehm, die als Beispiel zu zeigen, nach dem Motto: Guck, ich habe Trickfilm gemacht. Ich wusste selbst, dass ich nicht richtig zufrieden damit war. Gleichzeitig hat das in mir wieder etwas ausgelöst: Ich wollte zeigen, dass ich das eigentlich besser kann.

Joscha Sauer: Und das war es dann auch. Diese fünf Jahre, in denen wir die Trickfilmserie produziert haben, waren gleichzeitig meine Filmschule. Wenn man ein bisschen ein Auge dafür hat, sieht man das auch an den einzelnen Folgen. Wir haben sechs Folgen produziert, und die werden von Mal zu Mal professioneller. Und an dem Punkt, an dem wir gesagt haben: So, jetzt wissen wir, wie es geht, war das Geld alle, und wir haben aufgehört.

Gabriel Yoran: Das war aber nicht der Moment, in dem du in dieser Ecke warst, in die du dich hineinmanövriert hattest. Da warst du schon draußen.

Joscha Sauer: Das war eine neue Ecke.

Gabriel Yoran: Okay, das war die nächste Ecke.

Joscha Sauer: Ja, eine viel bessere Ecke. Das war eine andere Art. Die Trickfilmproduktion war extrem fordernd, weil ich zum ersten Mal ein komplettes Team dabeihatte, das ich dirigieren musste, und gleichzeitig natürlich den Anspruch hatte, selbst kreativ zu arbeiten. Das war ein Balanceakt, den ich sehr schwierig fand: Ich war gleichzeitig Regisseur, Produzent, Sprecher, Autor, Zeichner, was weiß ich, ich habe ganz viele Hüte gleichzeitig getragen. Das war einerseits sehr befriedigend, vor allem, mit so vielen tollen kreativen Menschen zusammenzuarbeiten.

Joscha Sauer: Und trotzdem war das wieder etwas, bei dem ich sehr übers Ziel hinausgeschossen bin. Nach ein paar Jahren auf diesem Level habe ich gemerkt: Das geht so nicht weiter. Das wäre keine Art gewesen, dauerhaft so zu produzieren. Deshalb habe ich beschlossen, das Fass nicht noch einmal aufzumachen und nicht danach zu gucken, wo ich über Crowdfunding noch einmal Geld für ein paar Folgen herkriege. Ich habe gesagt: Nein, das war richtig für diese Zeit, ich habe viel gelernt. Aber ich muss schauen, wie ich mit meiner Energie besser haushalte, und die Möglichkeit finden, neben NICHTLUSTIG andere Dinge aufzunehmen.

19:01Warum er Steady zuerst abgesagt hat

Joscha Sauer: Und das war ungefähr der Moment, als du mich von der Straße aufgekratzt und mir geschrieben hast. Beziehungsweise, ich glaube, das erste Mal hast du mir geschrieben, als ich noch am Ende der Trickfilmproduktion steckte. Wann habt ihr mit Steady gestartet? 2016?

Gabriel Yoran: Ja, 2016.

Joscha Sauer: 2016, genau. Dann hast du mir diese Mail geschrieben, ich glaube, 2017.

Gabriel Yoran: Du warst einer der Ersten, die ich angeschrieben habe, bei denen ich dachte: Das würde wahrscheinlich funktionieren. Wir hatten so ein paar Leute.

Joscha Sauer: Du hast, glaube ich, diese Formulierung benutzt: Ich komme heute zu dir mit einem Angebot, das du nicht ablehnen kannst.

Gabriel Yoran: Ja.

Joscha Sauer: Da dachte ich: Aha, okay, das wollen wir mal sehen. Und dann habe ich dir abgesagt.

Gabriel Yoran: Ja, und dann habe ich gedacht: Das wollen wir doch mal sehen.

Joscha Sauer: Ja. Im Nachhinein war es gut, dass du dich da ein bisschen drangehängt hast. Ich muss gestehen, dass sich mir der Nutzen am Anfang nicht wirklich erschlossen hat.

Gabriel Yoran: Das Problem ist bekannt.

Joscha Sauer: Ihr wart ja ein extrem junges Unternehmen. Für mich war überhaupt noch nicht abzusehen, wie ernst zu nehmen das ist. Ich war sehr vorsichtig, weil ich gerade die Erfahrung gemacht hatte, dass sehr viele Leute an dem hingen, was ich mache, und viele Leute viel gefordert haben. Ich wollte nicht den gleichen Fehler noch einmal begehen und mich in etwas hineinmanövrieren, bei dem ich im Nachhinein denke: Nein, finde ich eigentlich nicht gut. Das hat noch ein paar Jahre gebraucht.

Joscha Sauer: Wir haben immer wieder in Abständen telefoniert, gerade auch über meine anfänglichen Zweifel, und jetzt wird es vielleicht auch für andere Leute interessant, jetzt können alle wieder zuhören. Ich hatte Zweifel gegenüber dieser Art von Crowdfunding, wie es für mich war: der Idee, dass Crowdfunding nichts Projektbezogenes mehr ist. Projektbezogenes Crowdfunding hatte ich ja schon mehrmals gemacht. Das hat immer ein klares Ziel: Ich will dieses Projekt machen, gebt mir Geld. Wenn ich so viel Geld kriege, mache ich dieses Projekt, und ihr kriegt dieses Projekt. Die größte Überzeugungsarbeit, die du bei mir leisten musstest, war, dass es trotzdem in vielen Fällen funktioniert, losgelöst von einem abgeschlossenen Projekt oder Produkt, das die Leute direkt bekommen.

Gabriel Yoran: Dass es also an dir hängt, mehr als an einer konkreten Sache, die du machst.

Joscha Sauer: Das war immer meine Angst. Ich hatte früher schon mit dem Gedanken geliebäugelt, über Patreon zu gehen, damals, als es noch keine Alternativen gab. Aber ich hatte überlegt: Ich will mir nicht wieder diesen Druck aufbauen, dass ich konstant liefern muss. Die einzige Möglichkeit, das hinzukriegen, war für mich damals: Dann brauche ich eine Möglichkeit, Leute nur in dem Moment bezahlen zu lassen, in dem ich etwas mache. Mittlerweile bin ich sehr froh, dass genau das nicht der Fall ist, sondern dass es davon entkoppelt ist. Das fand ich sehr schön. Trotzdem war es für mich ein bisschen ein Sprung ins kalte Wasser, weil ich nicht sicher war, ob es so funktioniert, bis es dann wirklich losging.

22:24Gleiche Pakete, Bonuspanels als Dankeschön

Gabriel Yoran: Dein Steady-Projekt ist insofern besonders, als alle Pakete, die du anbietest, völlig gleich sind.

Joscha Sauer: Ja.

Gabriel Yoran: Ich teile das hier gerade, dann können die Gäste es auch sehen. Das ist die Steady-Seite von Joscha. Wenn man hier runtergeht und sich die ersten drei Pakete anschaut: 3 Euro, 5 Euro, 9 Euro. Und dann steht hier: Alle Pakete haben den gleichen Inhalt. Das Einzige, was sie unterscheidet, ist, dass man die Mitgliedschaften noch verschenken kann. Das kommt bei den höherpreisigen Paketen dazu. Erzähl mal, was die Unterstützer:innen bekommen, wenn sie 3, 5, 9 oder sogar 100 Euro zahlen.

Joscha Sauer: Ah, den Sugar Daddy hatte ich ganz vergessen. Man sieht, warum ich den vergessen habe, wenn man schaut, wie viele Leute den abonniert haben. In der gesamten Zeit, in der ich jetzt bei Steady bin, ist es, glaube ich, dreimal passiert, dass jemand den Sugar Daddy genommen hat, und zweimal davon hat sich direkt herausgestellt, dass es ein Versehen war. Ich weiß bis heute nicht genau, wie jemand aus Versehen ein Steady-Abo abschließen kann.

Gabriel Yoran: Drüberstolpern.

Joscha Sauer: Genau. Also, was kriegen die Leute? Der Hauptaufhänger für mich war: Ich wusste, Leute gucken meine Cartoons gerne an. Und mir war auch klar, dass meine Cartoons sich natürlich auch deshalb so verbreiten und Leute sie gerne angucken, weil sie kostenlos zu sehen sind. Weil Leute sie verschicken können. Die funktionieren fragmentiert: Man muss sich nicht das komplette Œuvre anschauen, sondern kann einzelne Bilder verschicken. Und ich kann sie auf Social Media oder per Newsletter posten. Mir war klar, dass ich das so beibehalten wollte.

Joscha Sauer: Also wusste ich: Wenn ich Leuten einen Anreiz geben will, mich zu unterstützen, über das hinaus, dass sie mich total super finden, dann muss das etwas sein, das dazukommt. Um mich aber nicht wieder in diese Ecke zu manövrieren, dass ich doppelte Arbeit machen oder etwas super Aufwendiges tun muss, habe ich überlegt, was sich in den vielen Jahren, in denen ich Cartoons mache, für mich ergeben hat, was relativ unaufwendig ist und trotzdem immer gut ankam. Da habe ich an die Signierstunden gedacht, die ich über die Jahre immer wieder gegeben habe. Da tauchen Leute auf und sagen manchmal: Den Cartoon mag ich besonders gerne, kannst du mir etwas zeichnen, das mit diesem Cartoon zu tun hat?

Joscha Sauer: Das war für mich immer ein bisschen wie Impro-Comedy. Ich musste mir an Ort und Stelle eine kleine Zeichnung überlegen, die vielleicht etwas mit dem Cartoon zu tun hat, den die Leute besonders mögen, aber noch einmal einen Twist hat. Meistens waren das kleine Fortsetzungen: Man hatte den eigentlichen Cartoon und dahinter eine kleine Zeichnung, die den Cartoon ein bisschen weitererzählt. Da dachte ich mir: Das ist etwas, das ich relativ unaufwendig für viele Cartoons machen kann. Und das Schöne daran ist, dass es nicht nur für neue Cartoons funktioniert, die ich herausbringe, sondern auch für die 1.500 Cartoons, die ich vorher gemacht habe. Ich hatte also das Potenzial, die komplette Bibliothek, alles, was ich schon gemacht habe, noch einmal aufzupimpen und Leuten den Anlass zu geben, sich diese Sachen noch einmal anzugucken.

Joscha Sauer: Damit habe ich dann losgelegt und angefangen, zusätzliche kleine Gags zu zeichnen. Am Anfang war die Idee, das wie eine Signierzeichnung zu machen, also ohne Vorzeichnung und sehr unaufwendig, eher hingerotzt. Das sollte auch nicht gut aussehen, sondern eher wie eine Skizze.

26:16Ohne Farbe, mit Trickfilm und signierten Büchern

Joscha Sauer: Und dann bin ich natürlich sehr schnell wieder über meinen eigenen Anspruch gestolpert. Mittlerweile sind die Dinger genauso gezeichnet wie die Cartoons. Das Einzige, was ich beibehalten habe: Ich koloriere sie nicht. Das war eine sehr gute Entscheidung. Die Farbe ist bei mir ein extrem zeitraubender, aufwendiger Prozess, bei dem ich wahrscheinlich noch einmal anderthalb bis zwei Stunden an einem Cartoon sitze. Den wegzulassen, hat mir die Möglichkeit gegeben, relativ schnell viel zusätzlichen Content zu erzeugen, der vor allem für Leute interessant ist, die meine Sachen schon kennen.

Joscha Sauer: Das war, glaube ich, eine sehr gute Basis, um Leuten verständlich zu machen: Das ist etwas, das mir das Gefühl gibt, ein bisschen belohnt zu werden. Und gleichzeitig überstrapaziert es nicht, was ich zusätzlich liefern muss. Dazu habe ich gesagt: Ich habe jetzt diese Trickfilmserie, die können Leute, die mich bei Steady unterstützen, zusätzlich kostenlos sehen. Und ich habe angefangen, Livestreams zu machen, wenn ich Cartoons zeichne. Das war das Einzige, was bis jetzt nicht so funktioniert hat, wie ich das gerne wollte. Da habe ich mittlerweile ein paar andere Pläne, aber das war der Teil, der nicht gut funktioniert hat.

Joscha Sauer: Ich merke aber, dass ich jetzt mit dem Buch, das ich gerade herausgebracht habe, plötzlich die Möglichkeit habe, die Leute, die mich unterstützen, an einigen Stellen noch etwas anders zu belohnen. Die konnten zum Beispiel ein signiertes Buch vorbestellen, in das ich dann wirklich überall etwas hineingezeichnet habe. Solche kleinen Sachen zu machen, die mich entweder nur sehr vorübergehend zusätzlich einspannen oder meinen Arbeitsaufwand nicht extrem aufblähen: Das waren die Ansätze.

28:11Freiheit statt Lieferdruck

Gabriel Yoran: Nach allem, was du in den verschiedenen Medien und mit den verschiedenen Geschäftsmodellen gemacht hast, Crowdfunding, Buchverkauf, Steady-Mitgliedschaften, ich habe bestimmt etwas vergessen …

Joscha Sauer: Merch.

Gabriel Yoran: Gibt es etwas, von dem du sagen würdest: Wenn ich das 2012, 2010 oder 2008 gewusst hätte, hätte mir das viel Arbeit, Schmerz und Nerven erspart?

Joscha Sauer: Ehrlich gesagt, nicht wirklich. Man vergisst immer ein bisschen, wie sehr sich die ganze digitale Welt verändert hat. Ich mache das jetzt seit 20 Jahren, und die Situation ist konstant eine andere. Vor zehn Jahren hatte ich nicht die Möglichkeiten von heute, und vor 20 Jahren sowieso nicht. Bestimmte Dinge gingen nicht. Ich glaube, bestimmte Fehler musste ich machen, um diese Erfahrungen zu sammeln. Was ich vorhin schon kurz angesprochen habe: Man sollte sich sehr bewusst sein, wie viel Energie jede neue Baustelle erfordert, und sein Hauptaugenmerk lieber auf die legen, die einem selbst Spaß machen.

Joscha Sauer: Das ist momentan wirklich mehr mein Fokus, und das erlaubt mir Steady auch: nicht ständig das Gefühl zu haben, was muss ich als Nächstes machen, um Kohle reinzukriegen. Das war früher nämlich der Fall. Ich wusste, ich mache Cartoons und muss sie auch machen, um weiter sichtbar zu bleiben. Aber gleichzeitig musste ich immer wieder darüber nachdenken, was man als Nächstes machen kann, um Geld zu verdienen. Da jetzt eine Möglichkeit zu haben, die mir erlaubt, Zeit abzuzwacken und mich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht kommerziell sind, an Projekten zu arbeiten, die vielleicht nirgendwo hinführen, aber mir guttun: Das ist, glaube ich, die größte Freiheit, die ich dadurch bekommen habe, dass das gut angekommen ist und mich mittlerweile viele Leute unterstützen.

Gabriel Yoran: Schön, dass du das sagst, denn das ist eigentlich das Gegenteil der Befürchtung, die viele potenzielle Steady-Publisher haben. Die denken nämlich, dass durch so eine regelmäßige Zahlung eine ganz starke Verpflichtung entsteht, regelmäßig abzuliefern, komme, was wolle.

30:42Wenn Mitglieder kündigen

Joscha Sauer: Ich verstehe, woher das kommt. Ich finde, daran muss man sich auch ein bisschen gewöhnen. In meinem Fall habe ich in den letzten Monaten, weil ich weniger Cartoons gemacht habe, gemerkt: Oh, plötzlich kündigen auch wieder mehr Steady-Mitglieder. Und es ist klar, warum. Das sind vielleicht Leute, die da sind, weil sie erwarten: Ich will hier täglich meinen kleinen Lacher haben, und wenn ich den nicht kriege, bin ich wieder raus. Aber das ist eine kleine Gruppe, gemessen an der Gesamtstabilität des Projekts.

Joscha Sauer: Dadurch, dass man eure Mails nicht abbestellen kann, die einen darüber informieren, dass einen gerade jemand verlassen hat, verstehe ich trotzdem, dass das ein symbolisches Gewicht hat. Wenn an einem Tag plötzlich drei, vier Leute abhauen, verstehe ich, dass man sich in dem Moment fragt: Oh, muss ich aufpassen, dass das nicht plötzlich mehr wird?

Joscha Sauer: Ich finde, das ist eine ganz wichtige Lektion, die man in diesem Geschäftsmodell lernen muss: dass man sich Zeiten nehmen muss, in denen man bewusst sagt: Es ist okay, wenn es auch mal wieder weniger wird. Ich habe, glaube ich, mit euch irgendwann darüber geredet, dass es bei den meisten Leuten hochgeht und dann irgendwann ein Plateau erreicht. Dann bleibt das erst einmal so, bis man Aktionen macht, durch die es noch einmal nach oben geht, und so weiter. Das habe ich auch bemerkt.

Joscha Sauer: Bei mir lag das daran, dass eigentlich jeder Cartoon, den ich veröffentlicht habe, eine kleine Aktion in sich war. Denn unter jedem Cartoon, den ich veröffentliche, steht: Bonuspanel gibt es hier. Wenn Leute daraufklicken, bekommen sie als Unterstützer die Bonuspanels zu sehen. Und wenn sie das tun, ohne Unterstützer zu sein, bekommen sie die Möglichkeit, bei Steady Mitglied zu werden.

Gabriel Yoran: Und das ist super.

Joscha Sauer: Aber das ist natürlich auch wieder eine sehr luxuriöse Situation, die nicht jeder hat: in jedem Post auf Steady hinzuweisen, ohne dass es extrem penetrant wirkt. Für mich war es trotzdem wichtig, an einem Punkt anzukommen, an dem ich gemerkt habe: Okay, das ging jetzt die ganze Zeit nach oben, und jetzt geht es auch mal wieder ein bisschen nach unten. Das auszuhalten und nicht in Panik zu verfallen, daran muss man sich erst wieder gewöhnen.

Gabriel Yoran: Joscha, vielen herzlichen Dank. Das war extrem hilfreich, und ich glaube, die Gäste, die hier dabei waren, haben einiges Neues gehört, auch weil du in so vielen verschiedenen Medien unterwegs bist. Joscha, vielen Dank.

Vielen Dank fürs Zuhören. Wir hoffen, ihr konntet einige praktische Tipps für eure eigene Arbeit mitnehmen. Wenn ihr mit einem eigenen Projekt durchstarten wollt, egal ob Newsletter, Podcast oder Blog, stehen wir von Steady euch bei jedem Schritt zur Seite. Schaut euch einfach einmal auf www.steadyhq.com um. Es ist ganz einfach und außerdem kostenlos, ein Projekt zu starten. Bei Fragen wendet euch jederzeit an support.steadyhq.com. Wenn euch diese Folge gefallen hat, freuen wir uns, wenn ihr sie teilt und weiterempfehlt. Bis zum nächsten Mal. Macht's gut!

Das kannst du übernehmen

  1. Wenn sich deine Arbeit verbreitet, weil sie kostenlos ist, stell sie nicht hinter eine Paywall und biete Unterstützer:innen etwas, das dazukommt.
  2. Such eine Gegenleistung, die dir leichtfällt. Bei Sauer sind es kleine Zusatzzeichnungen wie bei Signierstunden.
  3. Lass weg, was viel Zeit kostet und wenig hinzufügt; Sauer koloriert die Bonuspanels nicht.
  4. Nutze dein Archiv: Bonusinhalte zu alten Arbeiten geben Leuten einen Anlass, sie noch einmal anzusehen.
  5. Ein Hinweis unter jedem Beitrag wirbt dauerhaft für die Mitgliedschaft, ohne dass du eigene Kampagnen brauchst.
  6. Rechne damit, dass in ruhigeren Phasen mehr Mitglieder kündigen, und gerate deshalb nicht in Panik.

Ausgangslage: erfolgreich und festgefahren

Joscha Sauer zeichnet seit 21 Jahren die Cartoons von NICHTLUSTIG, das sagt er zum Zeitpunkt des Gesprächs beim ersten Steady Growth Day im Dezember 2021. Täglich, wie es oft heißt, war das nie. Es gab Phasen mit vielen Cartoons und einige Jahre ohne. Neben den Cartoons hat er Bücher herausgebracht, Merchandise verkauft, eine Trickfilmserie produziert und mit einem Freund einen Podcast gemacht. Auf seiner Website stehen außerdem ein Blog, ein Shop und ein Newsletter.

Von außen sah das in den Jahren um 2010 bis 2015 nach Erfolg aus. Die Bücher erschienen, das Merchandise lief. Sauer selbst fühlte sich in eine Ecke manövriert. Aus dem Merchandise war eine Firma mit Angestellten geworden. Es ging nur noch darum, schnell neue Produkte zu entwickeln, damit sich die Maschinerie lohnte. Er zählt Figuren auf, Schlüsselanhänger, Frühstücksbrettchen, T-Shirts, Tassen und Eieruhren mit einem dreidimensionalen Dinosaurier. Weil die Eieruhren vorn zu schwer waren, blockierte der Mechanismus, und im Lager standen nach seiner Erinnerung 10.000 sehr teure Türstopper.

Bei den Büchern ging es ihm ähnlich. Der Verlag wollte neue Titel, damit das Thema im Buchhandel lebendig blieb, auch wenn Sauer selbst nichts Neues zu sagen hatte. Viel verdient hat er dabei nicht, weil das Geld aus dem Merchandise sofort in die nächste Produktion floss. Wahrscheinlich sei es ein Burnout gewesen, sagt er vorsichtig. Er überlegte, mit NICHTLUSTIG komplett aufzuhören.

Was er gemacht hat

Statt aufzuhören, erfüllte er sich einen alten Wunsch und produzierte eine Trickfilmserie. Sender und Streamingdienste wollten sie nicht kaufen, also sammelte er über Kickstarter nach seinen Worten knapp eine halbe Million Euro. Fünf Jahre lang zeichnete er kaum Cartoons. Sechs Folgen entstanden, jede professioneller als die vorige. Die Produktion nennt er seine Filmschule. Als das Team wusste, wie es geht, war das Geld aufgebraucht. Sauer war Regisseur, Produzent, Sprecher, Autor und Zeichner zugleich und merkte, dass er so nicht weiterarbeiten konnte. Ein neues Crowdfunding für weitere Folgen startete er bewusst nicht.

Bei diesem Projekt machte er eine Erfahrung, die ihn wieder antrieb: Leute zeigten ihm mit Geld, dass sie seine Arbeit schätzen, über das Anschauen und Liken hinaus. Gabriel Yoran, Mitgründer von Steady, schrieb ihn nach Sauers Erinnerung 2017 an, gegen Ende der Trickfilmproduktion. Sauer sagte zunächst ab. Steady war ein junges Unternehmen, und er wollte sich nicht wieder in etwas hineinmanövrieren, das ihn später belastet. Mit Patreon hatte er früher schon geliebäugelt, die Idee aber verworfen. Er fürchtete den Druck, ständig liefern zu müssen, und hätte Geld lieber nur dann angenommen, wenn ein Werk fertig ist. Yoran blieb dran, die beiden telefonierten über Jahre immer wieder. Überzeugt hat ihn am Ende, dass eine Mitgliedschaft an der Person hängt und nicht an einem einzelnen Produkt.

Das Angebot baute er so, dass es ihm keine doppelte Arbeit macht. Die Cartoons sollten für alle sichtbar bleiben, denn sie verbreiten sich, weil man sie kostenlos ansehen und einzeln weiterschicken kann. Die Gegenleistung musste also etwas sein, das dazukommt. Sauer dachte an seine Signierstunden. Dort bitten ihn Fans oft, etwas zu einem Lieblingscartoon zu zeichnen, und er erfindet spontan eine kleine Fortsetzung mit Twist. Daraus wurden die Bonuspanels, eine Zusatzzeichnung, die den Cartoon weitererzählt.

Geplant waren schnelle Skizzen ohne Vorzeichnung. Bald zeichnete Sauer sie trotzdem so sorgfältig wie die Cartoons. Eines hat er beibehalten: Die Bonuspanels bleiben ohne Farbe. Das Kolorieren kostet ihn sonst noch einmal anderthalb bis zwei Stunden pro Cartoon. Und die Idee funktioniert auch rückwärts. Zu rund 1.500 älteren Cartoons kann er Bonuspanels nachliefern und so den Leuten einen Grund geben, das Archiv noch einmal anzusehen.

Dazu kamen weitere Gegenleistungen, die ihn wenig oder nur kurz beanspruchen. Unterstützer:innen konnten die Trickfilmserie kostenlos sehen. Sein neues Buch, das er ohne Verlag herausgebracht hat, konnten sie signiert vorbestellen. Livestreams beim Zeichnen probierte er auch, das lief nach seinen Worten bis dahin nicht wie erhofft.

Die Pakete sind schlicht. Zum Zeitpunkt des Gesprächs kosteten sie 3, 5 und 9 Euro im Monat, alle mit dem gleichen Inhalt. Bei den teureren Paketen konnte man die Mitgliedschaft zusätzlich verschenken. Ein Paket für 100 Euro gab es auch. Nach Sauers Erinnerung haben es in der ganzen Zeit drei Menschen gebucht, zwei davon aus Versehen.

Was es gebracht hat

Mitgliederzahlen nennt Sauer im Gespräch nicht. Er sagt aber, dass ihn mittlerweile viele Leute unterstützen und dass Steady der Grund ist, warum er wieder mehr Cartoons zeichnet. Erst im Jahr vor dem Gespräch ging das wieder richtig los. Mit der Mitgliedschaft habe er eine Basis gefunden, auf der er Dinge wieder ausprobieren kann.

Die größte Freiheit sieht er darin, nicht ständig überlegen zu müssen, womit er als Nächstes Geld verdient. Früher musste er Cartoons zeichnen, um sichtbar zu bleiben, und daneben immer neue Einnahmen erfinden. Heute kann er sich Zeit nehmen für Projekte, die vielleicht nirgendwohin führen, ihm aber guttun. Yoran nennt das im Gespräch das Gegenteil dessen, was viele vor einer Mitgliedschaft befürchten: eine starke Verpflichtung, regelmäßig zu liefern.

Ohne Schwankungen geht es nicht. In den Monaten vor dem Gespräch zeichnete Sauer weniger Cartoons, und prompt kündigten mehr Mitglieder. Er vermutet, dass das Leute sind, die ihren täglichen Lacher erwarten. Gemessen an der Stabilität des ganzen Projekts sei das eine kleine Gruppe. Trotzdem hätten die Mails, die Steady bei jeder Kündigung schickt, ein symbolisches Gewicht, besonders wenn an einem Tag drei, vier Leute gehen.

Zum Wachstum trägt ein einfacher Mechanismus bei. Unter jedem Cartoon steht ein Hinweis auf das Bonuspanel. Unterstützer:innen sehen es nach einem Klick, alle anderen können an dieser Stelle Mitglied werden. So wurde jeder neue Cartoon zu einer kleinen Werbeaktion. Sauer nennt das eine luxuriöse Lage, weil der Hinweis zum Inhalt gehört und nicht aufdringlich wirkt.

Was du übernehmen kannst

Sauers Ausgangslage, 20 Jahre Publikum auf vielen Kanälen, hat nicht jede:r. Sein Vorgehen lässt sich trotzdem übertragen:

  • Was sich durchs Teilen verbreitet, bleibt kostenlos. Wenn deine Arbeit wächst, weil man sie teilen kann, stell sie nicht hinter eine Paywall. Biete Unterstützer:innen etwas, das dazukommt.
  • Bau auf dem auf, was dir leichtfällt. Sauer übertrug die Signierstunde ins Netz. Frag dich, was du nebenbei gut kannst und was dein Publikum schon mag.
  • Streich den teuersten Arbeitsschritt. Bonusinhalte müssen nicht so aufwendig sein wie das Hauptwerk. Bei Sauer fehlt die Farbe, und niemand vermisst sie.
  • Nutze dein Archiv. Zusatzinhalte zu alten Arbeiten vermehren das Angebot, ohne dass du ständig Neues erfinden musst.
  • Mach jeden Beitrag zum Hinweis. Ein fester Satz unter jedem Beitrag ersetzt Kampagnen, wenn er zum Inhalt passt.
  • Halte die Pakete schlicht. Gleiche Inhalte zu verschiedenen Preisen lassen die Leute selbst entscheiden, wie viel sie geben wollen.
  • Rechne mit Kündigungen in ruhigen Phasen. Sauer hält es für eine wichtige Lektion, Rückgänge auszuhalten, ohne in Panik zu geraten.

Welche Gegenleistungen sich für eine Mitgliedschaft eignen, steht in der Lektion Welche Gegenleistungen gehören in deine Mitgliedschaft?. Wie du mit Kündigungen umgehst, erklärt Wie kannst du Kündigungen reduzieren?.

Häufige Fragen

Was bekommen Unterstützer:innen von NICHTLUSTIG auf Steady?

Zu den Cartoons gibt es Bonuspanels, kleine Zusatzzeichnungen, die den Cartoon weitererzählen. Zum Zeitpunkt des Gesprächs konnten Unterstützer:innen außerdem die Trickfilmserie NICHTLUSTIG kostenlos sehen und Joscha Sauers neues Buch signiert vorbestellen. Die Cartoons selbst bleiben für alle kostenlos.

Warum bietet Joscha Sauer Pakete mit gleichem Inhalt an?

Zum Zeitpunkt des Gesprächs kosteten die Pakete 3, 5 und 9 Euro im Monat und hatten alle den gleichen Inhalt. Bei den teureren ließ sich die Mitgliedschaft zusätzlich verschenken. Wer mehr zahlt, unterstützt also mehr, bekommt aber nicht mehr. Ein Paket für 100 Euro gab es auch; nach Sauers Erinnerung wurde es dreimal gebucht, zweimal davon aus Versehen.

Wie machen Bonusinhalte möglichst wenig Arbeit?

Joscha Sauer hat sich an Signierstunden orientiert, bei denen er Fans spontan eine kleine Fortsetzung zu einem Cartoon zeichnet. Die Bonuspanels zeichnet er inzwischen so sorgfältig wie die Cartoons, koloriert sie aber nicht. Das spart ihm nach eigener Schätzung anderthalb bis zwei Stunden pro Cartoon.

Verpflichtet eine Mitgliedschaft dazu, ständig zu liefern?

Joscha Sauer erlebt das Gegenteil. Weil die Zahlungen nicht an einzelne Werke gebunden sind, hat er nach eigenen Worten Zeit für Projekte, die nichts einbringen müssen. Als er einige Monate weniger Cartoons zeichnete, kündigten mehr Mitglieder, aber nach seiner Einschätzung eine kleine Gruppe im Verhältnis zum ganzen Projekt.

Die Methoden dahinter

Gespräch

Gabriel Yoran

Mitgründer von Steady

Gabriel hat Steady mitgegründet und schreibt den Newsletter „Schleichwege zur Klassik“, aus dem 2024 ein Buch wurde. Im College erklärt Gabriel, wie Kampagnen gelingen und was ein Mitglied wert ist.

Weitere Fallstudien

  • Newsletter-Workshop zum Buch

    Anleitung zum Unkreativsein

    Wie Dirk von Gehlen ein Buch in einen Newsletter-Workshop verwandelte

    11 Newsletter-Folgen, eine pro Buchstabe des Worts „Perspektive“, verschickt von Anfang April bis Mitte Juni 2021

    Mit Dirk von Gehlen

  • Unabhängiger Verlag

    Frohmann Verlag

    Wie der Frohmann Verlag Bücher über Subskriptionen auf Steady vorfinanziert

    12 € im Monat für die Subskription der Reihe Kleine Formen, dafür alle drei Monate ein Buch (zum Zeitpunkt des Gesprächs, Dezember 2021)

    Mit Christiane Frohmann

  • Podcast

    Insert Moin

    Insert Moin: Wie ein Spiele-Podcast mit einer Paywall zum Beruf wurde

    3.000 Folgen seit 2010 (zum Zeitpunkt des Gesprächs)

    Mit Manuel Fritsch