0:00Wie die Session abläuft
Sebastian Esser: Wir warten noch eine Minute.
Sebastian Esser: Ein paar Sätze für alle, die schon da sind und vielleicht heute zum ersten Mal eine Session besuchen. Wir machen das in zwei Teilen. Zuerst unterhalte ich mich mit Esra, 10, 15 Minuten. Wenn ihr unterwegs schon Fragen habt, schreibt sie gern in den Chat. Nach 10, 15 Minuten würde ich euch dann bitten, sie selbst zu stellen, oder ich lese sie vor, wenn euch das lieber ist. Nach einer halben Stunde gehen wir in einen etwas informelleren Teil über und stoppen die Aufnahme. Dann könnt ihr alles fragen, was nicht aufgenommen werden soll. Das ist dann so ein bisschen: Wir trinken noch einen Kaffee zusammen. Das kann noch einmal bis zu 30 Minuten dauern, also insgesamt 60 Minuten; normalerweise dauert es ein bisschen kürzer. So ungefähr zum Ablauf. Jetzt kommen gerade noch jede Menge Leute rein, deswegen warte ich noch eine Minute, damit die das auch alle mitbekommen.
Sebastian Esser: Hallo Inga! Wenn es euch nichts ausmacht, macht gern euer Video an, damit man nicht so ins Universum hinausredet, sondern merkt, dass es euch gibt. Aber wenn es euch absolut nicht recht ist, dann ist das natürlich auch okay.
2:39Was Karakaya Talks ist und wie es angefangen hat
Sebastian Esser: Also, guten Tag, mein Name ist Sebastian Esser, ich bin einer der Gründer von Steady und freue mich sehr, heute Esra Karakaya begrüßen zu dürfen. Hallo Esra, vielen Dank, dass du da bist.
Esra Karakaya: Ich freue mich, dass ich da sein darf.
Sebastian Esser: Du hast eine super interessante Geschichte, und ich würde dich bitten, sie zu erzählen. Vielleicht kannst du damit anfangen zu beschreiben, was Karakaya Talks überhaupt ist.
Esra Karakaya: Das hat sich mittlerweile auch schon wieder verändert. Aber so, wie es gerade noch öffentlich sichtbar ist: Wir sind eine deutschsprachige YouTube-Talkshow, in der wir Themen und Expertinnen kuratieren, von und für Millennials of Color und Gen Z of Color. Jetzt gerade sind wir in der Transformation, weg von einem Format und von einer Plattform hin zu generellem Storytelling für und von Millennials und Gen Z of Color.
Sebastian Esser: Das, was über die Jahre, die es euch jetzt schon gibt, stabil geblieben ist, ist sozusagen das Thema und die Mission und auch die Ansprache, die aus meiner Wahrnehmung ganz besonders ist. Was sich aber geändert hat, ist alles andere, nämlich in welcher Struktur das alles entsteht. Kannst du das mal nacherzählen?
Esra Karakaya: Wir haben mittlerweile vor dreieinhalb Jahren als ehrenamtliches Kollektiv gestartet. Dann fing es an mit der Verhandlung mit Funk. Wir waren für eine Staffel in einem Deal mit Funk und dem [unverständlich] und haben zusammengearbeitet; damals hieß es noch Karakaya Talk. Als der Deal dann ausgelaufen ist, letztes Jahr im Mai 2020, war für uns die Frage: Wie möchten wir weitermachen? Dass wir weitermachen, war sehr klar, aber in welcher Form? Ehrenamtlich war für mich keine Option, weil ich weiß, wie gern ich in die Selbstausbeutung gehe, und das wollte ich nicht. Dann kam der Sprung vom Format-Sein, von der Redaktionsleitung, rüber zum Unternehmerin-Sein: das wirklich als Geschäft zu denken und mit einem Abo-Modell, in der Zusammenarbeit mit Steady, eine Einnahmequelle zu schaffen. Das war, glaube ich, letzten Sommer, dieser Switch vom Funk-Format zum Medienunternehmen.
Sebastian Esser: Na ja, letzter Sommer ist schon anderthalb Jahre her.
Esra Karakaya: Ja, genau.
5:08Vom Funk-Format zum Medienunternehmen
Sebastian Esser: Kannst du beschreiben, was das für eine Entscheidung war? So ein Funk-Format ist ja erst mal cool. Man wird vielleicht nicht reich, aber das sind Öffentlich-Rechtliche, man kann professionell arbeiten. Und dann ist das von heute auf morgen vorbei. In welcher Situation habt ihr euch da befunden?
Esra Karakaya: Ich kann nicht fürs Team sprechen. Für mich war das ein herausfordernder Moment, weil für mich klar war, wohin ich will. Ich habe eine klare Vision, einen klaren Weg, eine klare Vorstellung davon, was ich mir wünsche und wie es aussehen soll. Das war ein Moment mit ganz viel Spannung: Okay, das funktioniert so nicht, gerade ist alles nicht so, wie es sein soll. Es war aber auch gut, weil es mir erlaubt hat, noch einmal außerhalb des Öffentlich-Rechtlichen zu denken und umzuschalten. Davor war mein Ansatz: Das, was wir machen, muss selbstverständlich öffentlich-rechtlich sein, es muss öffentlich finanziert werden, es ist ein gesellschaftlicher Auftrag. Ja, wir haben es gemacht, es war gut. Aber dann war es schon so: Okay, ich muss jetzt auch als Unternehmerin denken. Und dann haben wir uns kennengelernt, Sebastian, du hast mich da noch einmal abgeholt, und seitdem ist das der Prozess gewesen, Schritt für Schritt: Was müssen wir als Nächstes machen? Wie können wir als Nächstes Geld machen, Umsatz machen?
Esra Karakaya: Denn das Ziel ist für uns ganz klar, profitabel zu sein. Wir sind nicht in der Vereinsstruktur, nicht in der ehrenamtlichen Struktur, in der wir sagen: Die paar Gelder werden auf alle verteilt, und dann bezahlen wir damit die paar Programme. Nein, das Ziel ist wirklich: Wie können wir mit Abo-Modellen ein stabiles Geschäftsmodell aufbauen, bei dem Leute uns nicht unterstützen, weil sie finden, dass wir wichtig sind, sondern weil sie wissen: Oh geil, wir kaufen uns damit einen Zugang, wir kaufen uns damit ein Produkt, digitale Produkte. Ich glaube, dieser Shift ist unheimlich wichtig, aber auch schmerzhaft. Weg von „Das ist voll wichtig, und das müsst ihr jetzt alle gucken“ hin zu „Ich muss jetzt ein Produkt bauen, das euch gefällt“. Wir müssen uns und unseren Werten treu bleiben, trotzdem ein Produkt sein und trotzdem unabhängig bleiben. Und dann diese Spannung aushalten, denn wir haben noch keinen Deckungsbeitrag, wir sind noch nicht bei null. Wir investieren gerade noch sehr viel in die Firma.
Esra Karakaya: Wie du gerade merkst, Sebastian, sind das sehr, sehr viele Themen. Zum Abschluss kann ich auf jeden Fall sagen: Der erste Schritt rüber in ein Abo-Modell war unheimlich richtig und wichtig. Das hat uns schon einmal ein Grundfunding gegeben, eine Grundeinnahmequelle. Und es ist natürlich auch eine Währung gegenüber Investorinnen und Investoren, zu sagen: Guck mal, hier sind Leute, die zahlen, da ist auf jeden Fall Potenzial.
8:17Kein Kampf gegen die Öffentlich-Rechtlichen
Sebastian Esser: Lass mich noch einmal nachfragen. Ich hoffe, das ist jetzt nicht zu cheesy. Ich versuche, mich in dich hineinzuversetzen. Du hast gesagt: Das, was wir da machen, ist wichtig, und es ist auch wichtig, dass es etwas Öffentlich-Rechtliches ist, das von der Allgemeinheit finanziert wird, weil die Zielgruppe, die du repräsentierst, ganz oft keinen Ort in den öffentlich-rechtlichen Medien hat. Wenn das dann auf einmal endet, muss das doch auch mit Wut zu tun haben, nicht nur mit persönlicher Enttäuschung. Der Plan war doch, dass genau solche Menschen und solche Unterhaltung auch im Öffentlich-Rechtlichen Platz haben und Budgets bekommen. Ich will da jetzt nicht auf die Tränendrüse drücken. Aber selbst ich, der ich nicht direkt persönlich betroffen bin, finde das als Gebührenzahler unfair oder nicht gut. Euch muss es doch ähnlich gegangen sein.
Esra Karakaya: Ja und nein. Ich gehe voll mit, wenn du sagst, es ist ein Unding. Es muss eine ganz klare Form von Inklusion auf allen Ebenen geben, vor der Kamera und hinter der Kamera, in Entscheidungsgremien, in Machtpositionen. Da bin ich voll bei dir. Aber in Bezug auf uns bin ich so: Boah, das ist nicht mein Battle, das ist nicht mein Kampf. Die sollen machen, was sie machen wollen. Das ist euer Bier, nicht mein Bier. Ich habe meine eigenen Herausforderungen. Wir haben es ausprobiert, es hat nicht funktioniert, und das will ich gar nicht werten. Es ist ein Fakt, etwas, das ich beobachtet habe. Okay, gut, die Strategie hat nicht funktioniert, alles Gute, wir gehen eine andere Strategie. Es ist nichts, wo ich mir den Schuh anziehe und denke, ich muss das jetzt irgendwie retten. Das Schöne daran, in einer unabhängigen Struktur zu sein, trotz der ganzen Herausforderungen, ist ja, dass ich meine gesamte Energie ins Unternehmertum investieren kann.
10:39Drei Gründungen und ein neues Team
Sebastian Esser: Aber das war doch neu, Esra. Du hast eben beschrieben, und das finde ich super beeindruckend, wie du innerhalb von wenigen Wochen im Kopf von der Moderatorin zur Unternehmerin umgeswitcht bist. Das ist ein Riesenschritt, den ganz viele Leute in ihrem ganzen Leben nicht gehen oder nicht gehen wollen. Du schon. Oder war dieses Unternehmerische schon immer irgendwie dabei bei dir?
Esra Karakaya: Ich glaube, das Unternehmerische hat schon angefangen, als ich vor dreieinhalb Jahren gesagt habe: Okay, ich mache das jetzt auf eigene Faust, ich produziere jetzt eine Talkshow, mit null Kompetenzen, null Expertise, und mache das auf einer ehrenamtlichen Basis. Das war, glaube ich, die erste Gründung. Die zweite Gründung war die Zusammenarbeit mit Funk; das war noch einmal ein eigenes Team. Die dritte ist das, was wir gesellschaftlich klassischerweise als die echte Gründung verstehen. Aber ich glaube, das war bei mir schon viel öfter.
Sebastian Esser: Kannst du noch einmal beschreiben, was das für ein Unternehmen war, vor anderthalb Jahren? Wie viele Leute waren da beteiligt? Ihr wart ja ein Netzwerk von recht vielen Leuten. Aber wie viele haben regelmäßig daran mitgearbeitet und auch Geld dafür bekommen?
Esra Karakaya: Du meinst in der Zeit oder danach?
Sebastian Esser: Danach. Also als ihr gesagt habt: Okay, wir müssen hier eine Talkshow machen. Wer schon einmal damit zu tun hatte, weiß, dass mit so einer Stunde Sendung wahnsinnig viele Leute beschäftigt sind. Das kostet richtig viel Geld. Worauf ich hinauswill: Inzwischen seid ihr noch einmal einen krassen Schritt weitergegangen, und diese beiden Zeitpunkte, vor anderthalb Jahren und heute, würde ich gern vergleichen, damit wir nachvollziehen können, wie weit ihr inzwischen gekommen seid.
Esra Karakaya: Von dem damaligen Team, mit dem wir zusammengearbeitet haben, ist im jetzigen Team keine Person mehr da. Ich bin zwischenzeitlich zwangsläufig wieder zurück auf eine ehrenamtliche Struktur gegangen. Ich habe gedacht: Okay, ich will weitermachen. Das war kein Muss, ich möchte sehr gern weitermachen. Ich verstehe aber auch, dass die Menschen, die ich im Team hatte, bezahlt werden müssen, und ich hatte nicht die finanziellen Ressourcen, um zu sagen: Komm, ich übernehme euch jetzt in meine eigene Produktionsfirma. Deswegen war der Ansatz: back to the roots. Welche Menschen gibt es, die Bock haben, die Kompetenz haben und sich bereit erklären, vorerst ehrenamtlich zu arbeiten? Dann hatte ich erst einmal [unverständlich] im Social-Media-Team, dann kam [unverständlich] in der Postproduktion dazu. Und dann hatten wir Glück, weil wir zwei, drei Monate später in die Förderung des Media Lab gekommen sind, in das Media Startup Fellowship. Das war unheimlich hilfreich, um dieses Start-up-Denken zu lernen. Damit haben wir sukzessive ein Team aufgebaut, sodass ich jetzt sagen kann: Wir haben ein neues Team mit fünf Kernmitgliedern.
Esra Karakaya: Ich bin gerade ein bisschen überrascht über deine Frage, weil ich denke: Nein, so schnell ging es gar nicht. Ich bin erst einmal rausgeflogen und lag erst einmal flach. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen soll. Dann dachte ich: Okay, ich muss Leute finden. Ich suche Leute. Okay, wir machen das in einer ehrenamtlichen Struktur, keiner wird uns ernst nehmen. Okay, wir haben eine Förderung bekommen. Es war immer so ein: Ich weiß nicht, was ich mache. Insofern hoffe ich, dass ich deine Frage beantwortet habe.
14:05Fehler als Information und wenige Vorbilder
Sebastian Esser: Ja, ja. Entschuldige, wenn ich dich da verwirre. Wir reden jetzt schon relativ lange, es ist auch mega spannend. Trotzdem will ich den Zuhörenden die Chance geben, sich zu beteiligen. Pauline Tillmann hat schon eine Frage in den Chat geschrieben. Pauline, willst du sie vielleicht selbst stellen?
Teilnehmerin: Gar keine Frage, nur eine Anmerkung. Hallo Esra! Ich habe nur gesagt, dass die erfolgreichen Unternehmerinnen und Unternehmer in den USA schon mehrere Unternehmen an die Wand gefahren haben, bis sie dann so ein total erfolgreiches Ding auf den Markt gebracht haben. Man muss halt irgendwann anfangen, Erfahrungen sammeln und Fehler machen und es beim nächsten oder übernächsten Mal besser machen. Man glaubt immer, man will es am Anfang perfekt machen. Aber am Anfang kannst du es nicht perfekt machen, weil du noch nicht weißt, was du in zwei, drei oder fünf Jahren weißt. Insofern war das nur eine Anmerkung, keine Frage.
Esra Karakaya: Okay, super, danke. Ich gehe da voll mit. Fehler machen ist ja kein Fehler machen, das ist eigentlich nur Feedback, Information darüber, wie gut die Strategie ist, die wir gefahren sind. Was aber interessant und spezifisch für uns ist: Wir haben nicht klassisch eine Softwarelösung und sagen, cool, wie können wir das jetzt skalieren, sodass wir uns mit hundert anderen Start-ups austauschen können. Der Weg, den wir gerade gehen, ist für den deutschen Kontext tatsächlich ein bisschen einzigartig. Es gibt wenige Unternehmen, die einen ähnlichen Weg gegangen sind. Wenn ihr, die ihr hier gerade drin seid, jemanden oder eine Firma kennt, bei der ihr sagt: Das ist schon sehr ähnlich, dann sagt Bescheid. Ich vernetze mich gerade mit Rocket Beans TV, um mit denen noch einmal zu quatschen, weil ich glaube, die sind ein bisschen ähnlich. Die kommen auch aus der Community-Welt und haben eigene Persönlichkeiten. Ich gucke nach links und nach rechts, merke aber immer wieder: Okay, I think I need to go my own way. Das ist scary, aber ich muss es dann doch machen.
16:09Die Vision: ein Medienimperium
Sebastian Esser: Das ist interessant. Und wo führt der Weg hin? Was ist deine Vision? Ich glaube, du hast eine.
Esra Karakaya: Die Vision ist ganz klar, ein Medienimperium aufzubauen.
Sebastian Esser: Entschuldigung, ich lache. Man sollte wirklich nicht darüber lachen. Ich weiß, dass du das sehr ernst meinst.
Esra Karakaya: Ich meine das komplett ernst. Und ich glaube, die Reaktion mit dem Lachen ist gut, weil sie die Gedanken in mir drin spiegelt. Diese Reaktion, die du gerade hattest, hatte ich auch: Ja, ja, Medienimperium, alles klar. Aber ich challenge mich selbst und das Team, zu sagen: Okay, das ist das Ziel. Wir wissen ohnehin nicht, was kommen wird. Auch aus meiner spirituellen, meiner religiösen Haltung heraus ist es nicht meine Aufgabe zu entscheiden, wo ich lande. Aber es ist meine Aufgabe, ganz klar zu sagen, wohin ich gehen möchte. Und bei diesem Medienimperium auch ganz klar zu sagen: Das Ziel ist nicht, gegen die Öffentlich-Rechtlichen zu kämpfen. Nein, die sollen ihr Ding machen, alles Gute. Wir machen unser eigenes Ding, wir bauen uns ein eigenes, unabhängiges Ding auf, und wie weit wir kommen, wird sich zeigen. Vielleicht ist die Vision, an der wir gerade festhalten, nicht das, was richtig und gut ist; dann soll es bitte auch nicht passieren. Aber die Energie, die wir gerade im Team haben, ist: Wir gehen dahin. Und in diesem Medienimperium wird unsere Zielgruppe zentriert, Millennials und Gen Z of Color. Die sind ganz klar unsere Mitte, unser Zentrum. Jede Frage, jedes Format, jede Entscheidung wird im Sinne dieser Zielgruppe gestellt.
Sebastian Esser: Was bedeutet Medienimperium heutzutage für dich? Es kann ja alles Mögliche heißen. Kannst du es noch ein bisschen konkreter beschreiben oder stärker eingrenzen?
Esra Karakaya: Unter Medienimperium verstehe ich etwas, das viel größer ist als Karakaya Talks. Das sind wirklich mehrere Formate, mehrere Player, Kreative, Content Creator. Das wird wie ein Netzwerk. Interessant ist, was ich gerade beobachte: Funk ist letztlich ein Netzwerk, da haben wir Formate, die funktionieren. Im privaten Sektor haben wir große Produktionshäuser, die haben Haltung und sind untereinander vernetzt. Dann haben wir aber diese ganz vielen kleinen Player, die sehr interessante, cutting-edge Inhalte bauen, Content Creator, die klug sind, die progressiv sind, die unangenehme Fragen stellen, aber nicht die Kapazitäten haben, sich zu vernetzen. Was passiert, wenn all diese Content Creator in einer Struktur zusammenfinden, in der sie vernetzt sind? Das ist eine Mobilisierung, eine andere Form von Ermächtigung. Eine andere Form von: Wir setzen jetzt, was richtig und was falsch ist, wir setzen die Norm. Darauf liegt gerade mein Blick. Social Media hat auch uns kleinen, wirklich kleinen Mikro- und Nano-Playern erlaubt, uns zu äußern. Es hapert meist an dem Punkt, dass kein Geld verdient werden kann, weil es noch einmal die Kompetenz braucht, unternehmerisch zu sein.
Esra Karakaya: Das ist der Weg, den wir gerade laufen, und es muss nicht passieren. Ich würde mir wünschen, dass es passiert, wenn es gut für uns ist. Wir haben die Kompetenz, unternehmerisch zu denken, und die Kompetenz, uns darin weiterzuentwickeln. Wenn wir es schaffen, eine Struktur aufzubauen, in die all diese einzelnen Content Creator reinkommen können, in der wir gemeinsam ein eigenes Netzwerk aufbauen, dann ist das für mich Medienimperium. Dann können wir sagen: Cool, wir gucken uns gegenseitig an und bauen uns auf und müssen nicht mehr in der Bittstellerposition sein. Oder unsere Energie in eine Richtung investieren, die in der Vergangenheit nicht in der Lage war, uns aufzunehmen, unter Bedingungen, die respektvoll, empathisch, gut und rücksichtsvoll sind.
20:20Groß denken und träumen dürfen
Sebastian Esser: Okay, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Vielleicht einfach Mic-Drop, und wir beenden diese Veranstaltung. Vielen Dank, ich finde das cool. Hier sind wir ja schon einmal unter ganz vielen Leuten, die ähnlich denken. Es gibt natürlich immer mehrere Netzwerke, und wer weiß, wie das am Ende alles zusammenpasst. Aber es ist super wertvoll, dass es jemanden wie dich gibt, der das so formulieren kann. Vielen Dank dafür. Insofern habe ich gerade gar keine Frage. Aber es gibt noch ein paar Anmerkungen im Chat. Franziska hat etwas hinterlassen. Franziska, möchtest du das selbst sagen?
Teilnehmerin: Okay, einen Moment, ich komme gleich wieder. So, da bin ich. Erst einmal, Esra: Wenn ich dir so zuhöre, kann ich dir nur zustimmen, und ich wünsche dir von Herzen Erfolg für das, was ihr vorhabt. Ich glaube, wenn es uns gelingt, Menschen, die gleichgesinnt sind und eine gleiche Vision verfolgen, aber jeder für sich zu vereinzelt sind, um eine Wirkung zu haben, auch wirtschaftlich, miteinander zu verbinden und ihnen vielleicht auch eine Bühne zu geben … Ich höre bei dir beim Imperium heraus, dass es nicht darum geht, dich selbst in den Vordergrund zu bringen, also kein patriarchalischer Ansatz von Imperium, sondern eher ein gemeinschaftlicher, partizipativer Ansatz. Das finde ich sehr inspirierend, und ich wünsche dir viel Glück und Erfolg. Und das Zweite, mein erster Kommentar: Ich glaube, nur wenn wir wirklich groß denken und mutig sind, auch Utopien zu entwickeln, haben wir überhaupt die Chance, sie real werden zu lassen. Wenn wir von vornherein davon ausgehen, das klappt eh nicht, das ist völlig unmöglich, dann nehmen wir uns eine Riesenchance. Das ist ein bisschen wie die selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn wir dieses Wünschen, dieses Hoffen nicht zulassen, machen wir uns kleiner, als wir sein könnten. Anders ausgedrückt: Habt Mut und seid wirklich radikal in euren Gedanken, weil euch das öffnet, etwas zu entwickeln, von dem ihr im Leben nie geglaubt hättet, dass es möglich ist.
Esra Karakaya: Voll. Ich denke gerade total an die Situation vor vier Jahren, als ich das erste Mal die Idee hatte: Was passiert eigentlich, wenn wir so eine Talkshow aufsetzen? Da war die erste Reaktion auch bei mir: Ach so, du willst eine Talkshow machen, und die wird dann auch geguckt, klar, klar. Und dann wirst du natürlich auch noch bei Funk arbeiten. Die Vorstellung, dass eine Frau mit Kopftuch im deutschen Kontext, in einem öffentlich-rechtlichen Rahmen, bezahlt wird und ein eigenes Format hat, war zu dem Zeitpunkt unmöglich. Das war unmöglich. Ich sage das jetzt eigentlich viel mehr mir selbst, um mir die Angst zu nehmen: Nicht alles muss möglich sein. Es ist okay, es darf ruhig unmöglich sein. Ich gehe da total mit Franziska. Das sage ich auch total oft Leuten mit Mehrfachdiskriminierungserfahrung: Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu imaginieren, zu träumen. Das ist die wahre Macht, die wir in uns tragen. Uns kann alles genommen werden: Jobs, Wohnungen auf dem Wohnungsmarkt, Familien. Was uns nicht genommen werden kann, ist eine mentale Kreativität und eine Vorstellungskraft, die jede Form von systemischer Unterdrückung und systemischer Gewalt eigentlich aushebelt. Da bin ich jetzt voll im Empowerment-Ding, aber das ist das, was ich jeder Person sagen würde, die bei uns im Team arbeitet oder in unserer Zielgruppe ist und uns auf Instagram oder YouTube oder sonst wo begegnet.
24:34Was die erste Kampagne gelehrt hat
Sebastian Esser: Pass auf, lass uns ganz konkret weiterreden. Ich würde gern fragen, was ihr über Membership gelernt habt: wie man so etwas erfolgreich auf die Beine stellt, dauerhaft erfolgreich sein lässt und nachhaltig wachsen lässt, in den letzten 18 Monaten.
Esra Karakaya: Als du mich gefragt hast, Sebastian, ob ich heute dabei sein möchte, war ich direkt: Ich weiß gar nicht, ob ich die richtige Person dafür bin. Ich kann mich jetzt nicht hinsetzen und sagen: Das und das funktioniert, das müsst ihr alle machen. Wir wissen es noch nicht, wir sind noch voll dabei, das herauszufinden. Was ich heute geben kann, ist die Erfahrung darüber, wie es nicht funktioniert. Wir haben im Oktober 2020 mit der ersten Kampagne angefangen, auch dank der Umfrage, die wir gemacht haben und die ihr für uns auswerten konntet. Ihr konntet sagen: Das sind die Preise und Preismodelle, die für euch funktionieren könnten. Das hat in dem Moment richtig gut funktioniert. In der Kampagne haben wir, ich meine, 300 neue Mitglieder dazugewonnen. Wir dachten, wir würden anhand unserer Statistiken 1.000 dazugewinnen. Das war das erste Learning: Wenn wir Umfragen machen, sagen die Leute: Ja, ja, I would pay. Aber wenn es dann dazu kommt, sind es doch viel, viel weniger Menschen.
Esra Karakaya: Das zweite Learning: Eine Kampagne muss gar nicht vier Wochen lang sein. Wir hatten in den ersten Tagen 150 Leute, die direkt Mitglieder geworden sind, und dann ist es abgeflacht. Es war eine Flaute bis zur letzten Woche, in der wir noch einmal einen richtigen Trommelwirbel gemacht haben. Das war das zweite Learning: Okay, Scheiße, wir haben jetzt Content für vier Wochen gemacht, wollten jeden Tag ein Instagram-Live hier, ein Instagram-Live da, aber das ging dann doch irgendwie ins Leere. Das bringt's nicht. Lieber kurz und knackig.
Esra Karakaya: Das dritte Learning: Damals war unsere Ansprache: Wir brauchen das Geld, damit wir weitermachen können. Es war eine Notwendigkeit. Wenn ihr uns jetzt nicht unterstützt, dann gibt es Karakaya Talks nicht mehr, dann sind wir weg vom Fenster. Ich glaube, das hat eine Dringlichkeit kommuniziert, bei der die Leute gesagt haben: Oh geil, das machen wir jetzt. Vor allem in dem Jahr, in dem wir auch Preise gewonnen hatten. Da hing es noch in der Luft, dass wir abgesetzt waren oder nicht mehr in dem Deal waren, und alle fragten: Was ist eigentlich passiert? Alles war super diplomatisch geschrieben, und die Leute waren: Cool, machen wir. Das funktioniert nicht mehr. Wir haben nach einem Jahr gemerkt, dass das nicht mehr zieht. Die Reaktion ist nicht mehr so hoch, vielleicht weil wir das ausgereizt haben. Die Leute sind so: Ja, okay, dieses Narrativ kenne ich schon. Und wir wollen auch gar nicht mehr mit „Wir brauchen euch“ fahren, sondern eher mit: Guck mal, wir haben was Geiles, kauf es.
Sebastian Esser: Du sagst also, der Grund zu bezahlen hat sich für die Leute im Laufe der Zeit verändert.
Esra Karakaya: Voll, absolut.
27:40Slack-Kanal, Extras und eine Bezahlschranke
Sebastian Esser: Und was ist es heute? Was ist euer Produkt? Das ist ja immer ein Problem, wenn man stark an Plattformen hängt, in eurem Fall YouTube und Instagram: Es ist schwierig, Exklusivität herzustellen. Ob die Leute zahlen oder nicht, macht keinen riesigen Unterschied. Wie geht ihr damit um?
Esra Karakaya: Wir hatten die Vermutung, dass die Steady-Mitglieder vielleicht noch einen Perk haben wollen, einen Vorteil, dass sie etwas bekommen möchten. Das war unser viertes Learning. Wir haben herausgefunden, dass sie total gern näher an uns dran sein möchten, näher am Team, hinter den Kulissen. Also dachten wir: Cool, wir machen einen Slack-Channel nur für die Steady-Mitglieder, da können wir viel enger mit ihnen kommunizieren. Das hat gar nicht funktioniert. Zum einen braucht es eine eigene Person, um so einen Slack-Kanal zu bespielen; das ist wie ein eigener Kanal. Das haben wir komplett unterschätzt. Zum anderen haben wir herausgefunden: Die Leute wollen keine anderen Perks. Unsere Community, die zahlt, möchte keine anderen Perks. Wir haben auch noch versucht, mit Kooperationen zu schauen, ob das zieht. Wir haben mit anderen Unternehmen kooperiert, deren Gründerinnen alle Menschen mit Rassismuserfahrung sind, mit deren Produkten, sei es eine Hijabi-Modefirma oder selbst gemachte Sportklamotten. Das hat auch nicht gezogen. Das Learning daraus: Die Leute zahlen, weil sie den Content lieben. Wir können ihnen noch weitere Perks geben, aber das ist nicht das, was sie überzeugt.
Esra Karakaya: Was wird es sein? Wir sind immer noch dabei, das herauszufinden. Jetzt gerade ist es: Scheiß auf alle anderen Perks, die haben nicht funktioniert. Fokus auf Content, weil das unser Hero-Produkt ist, das, was die Leute sehen und wofür sie gezahlt haben. Wir versuchen jetzt tatsächlich das, was in der ganzen Medienwelt eigentlich schon super gängig ist, nämlich Zahlschranken. Wir haben unseren Content, der öffentlich zugänglich ist, und dann noch einmal exklusiven Content für diejenigen, die zahlen. Ob das funktioniert, wissen wir nicht. Geplant ist, dass wir das im ersten und zweiten Quartal 2022 testen. Wir werden sehen.
Sebastian Esser: Bevor das hier in einen Dialog oder eine Vorlesung ausartet, möchte ich euch noch einmal einladen, euch zu beteiligen und Fragen zu stellen. Entmutet euch einfach und redet los, oder schreibt etwas in den Chat.
30:05Austausch mit Publikationen, die Ähnliches machen
Esra Karakaya: Übrigens, ich schreibe meine E-Mail-Adresse mal rein, weil ich gerade bei Stefanie gesehen habe: Lass uns auf jeden Fall vernetzen. Hier ist meine E-Mail-Adresse, please write to me.
Sebastian Esser: Super. Ich lasse jetzt mal 30 Sekunden Awkwardness zu, das muss manchmal sein, und hoffe, dass sich jemand von euch traut, in die Unterhaltung einzusteigen. Hier schreibt Tina, die kenne ich. Tina, möchtest du es selbst sagen, oder soll ich es vorlesen?
Teilnehmerin: Ich sage das gern selbst. Sorry, ich muss hier schnell mein Mittagessen verstecken. Hi! Du hast eure Lernreise eindrücklich beschrieben. Tauscht ihr euch mit anderen aus, die ähnliche Projekte machen? Und wie und wo macht ihr das?
Esra Karakaya: Auf jeden Fall. Das war dieses Jahr für mich persönlich ein großes Learning: Ich habe sehr unterschätzt, wie viel ich durch Austausch und Vernetzen lernen kann. Ein Beispiel: Wir haben uns letzte Woche mit gal-dem vernetzt. Das ist ein Onlineportal, die haben ein Magazin und auch ein Online-…
Sebastian Esser: Richtig, genau. Durch euch bin ich überhaupt erst auf die aufmerksam geworden. Nur ganz kurz zur Erklärung: Die sitzen in Großbritannien und sind in Deutschland wahrscheinlich nicht allzu bekannt, aber offenbar ist die Verbindung auch über Steady zustande gekommen. Mach weiter, ich wollte nur Kontext liefern.
Esra Karakaya: Das ist halt total nice. Manchmal tut es total gut, sich mit Leuten auszutauschen, die gar nicht aus derselben Bubble oder demselben Kontext sind. Es war wirklich so: Hey, wollen wir mal kurz quatschen? Ja, komm, eine Stunde Online-Call. Ganz klassisch. Und dann geht es erst einmal darum zu schauen: Okay, ist da ein Vibe? Das musste ich auch erst lernen. Vernetzen bedeutet für mich nicht, dass ich mit ganz vielen Leuten rede. Vielleicht ist das für euch alle schon total selbstverständlich, für mich war es ein Learning: Ich gucke eigentlich nur nach Leuten, die eine ähnliche Arbeit machen und die ich sehr, sehr cool finde. Und dann ist es wirklich: Wie macht ihr das, was sind eure Learnings? Ich habe zum Beispiel mit der Person dort gesprochen, und die haben im Team noch eine Person, die sich nur mit den Steady-Mitgliedern vernetzt. Die vernetzt sich wieder mit unserer Person, die sich mit den Mitgliedern vernetzt, und das ist dann so ein Hin- und Herschieben. So läuft es gerade. Ich würde mich natürlich auch total freuen, auf Veranstaltungen auf Leute zuzugehen, aber durch Corona bin ich echt klassisch auf LinkedIn: Hi, I want to talk to you.
Sebastian Esser: Hallo, ja. Ich kann vielleicht dazu sagen, dass du ein bisschen schuld bist, dass wir heute hier sitzen. Du hast irgendwann im Sommer gesagt: Wann kann man sich denn mal treffen, also die Steady-Publisher untereinander? Leider hat es jetzt in Person nicht geklappt, wir treffen uns hier, aber auch das funktioniert sehr gut. Insofern danke für diese Initiative. Gibt es noch weitere Fragen?
33:50Ein Netzwerk für unabhängige Kreative
Darf ich ganz kurz? Ich hatte vorhin schon nach der Creator Economy gefragt, weil du vorhin darüber gesprochen hattest. Was ist deine Perspektive für diese Creator Economy, über die gerade so viel gesprochen wird? Was glaubst du, wo geht es da in den nächsten zwei, drei Jahren hin? Ich bin neugierig, wie du das siehst.
Esra Karakaya: Ich kann mein unqualifiziertes Halbwissen dazu sagen. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich vermute, dass wir an einen Punkt kommen werden … Wir sind jetzt weg vom Influencer-Sein, bei dem wir beauftragt werden, hin zu: Ich bin Creator, baue ein Geschäftsmodell um mich herum und verkaufe ganz viele Sachen. Was Creator für mich ist, muss ich auch erst einmal checken. Aber ich glaube, selbst da kommen wir irgendwann an eine Stelle, an der wir nicht darüber hinauswachsen können. Und das ist der Punkt, an dem es vielleicht ein Netzwerk braucht oder eine Holding, etwas, das uns noch mehr Kreativität erlaubt. Was jetzt zum Beispiel nicht möglich wäre, ist zu sagen: Wisst ihr was, am 19. Februar 2022 jährt sich Hanau zum zweiten Mal, wir machen alle auf unsere eigene Art und Weise ein Video dazu. Und damit meine ich nicht dieses „Oh mein Gott, das war voll schlimm“, sondern jede Person auf ihre eigene Art und Weise. Aber um das zu organisieren, braucht es erst einmal Ressourcen. Dafür bräuchte ich Projektgelder, um eine Person zu bezahlen, die alle einmal kontaktiert, alle einmal fragt, alle einmal brieft. Alle sind so aufgeschmissen. Wenn es aber ein Netzwerk gäbe, in dem es ohnehin schon ein klares Regelwerk darüber gibt, welcher Content läuft … Und damit meine ich nicht, das ist auch super wichtig, das Senderprinzip, bei dem ein Sender sagt, wie die Sachen gemacht werden, sondern eher einen Enabler: Da sind ganz viele Creator, und dann kommt ein Signal: Leute, hier ist ein Creative Briefing für diese Woche, ihr macht es auf eure eigene Art und Weise. Ob das dann Satire ist oder einfach nur ein Meditationsvideo, weil wir sagen, die Leute, die betroffen sind, sollten die Möglichkeit haben zu meditieren. Ich frage mich, was für ein Potenzial darin steckt, wenn es ein System gibt, das genau diese ganzen einzelnen Leute zusammenführt.
Esra Karakaya: Ihr müsst mich einfangen, das sind Gedanken, mit denen ich mich jeden Tag befasse. Mein nächster Gedanke ist auch schon: Was gerade passiert oder mehr und mehr entsteht, sind diese OnlyFans-Prinzipien. Fanbase heißt, glaube ich, das deutsche Pendant dazu. So etwas wie YouTube, Netflix, Twitch [unverständlich]: Creator sind drin und machen über die Plattform ihr Geld. Aber selbst da weiß ich nicht, wie sehr das funktioniert. Es braucht dieses Kollektive: In diesem einen Netzwerk sind das und das und das die Kernwerte. Wenn wir über so eine Fanbase oder OnlyFans gehen, ist das ja nur die Struktur, you do what you got to do. Ihr macht euren Content, ob es Sexarbeiterinnen sind oder Gamerinnen, das ist total unabhängig voneinander.
Sebastian Esser: Du meinst, es braucht so etwas inhaltlich, wie es früher vielleicht eine Plattenfirma war oder ein Filmstudio oder ein Buchverlag, wo das Wirtschaftliche an zweiter Stelle stand und das Gemeinsame über den Inhalt entstand? Verstehe ich das richtig?
Esra Karakaya: Vielleicht bin ich unheimlich naiv, dass ich das sage, und vielleicht werde ich in zehn Jahren darüber lachen. Aber ich will keinen Kompromiss machen zwischen profitabel sein und inhaltlich stark sein. Wie können wir es schaffen, beides zu treffen? Aber du hast recht, genau das meine ich. Wie so etwas inhaltlich aussieht, boah, das weiß ich auch gar nicht. Ich weiß nicht, wie so eine Hausordnung aussehen könnte. „Sei nicht scheiße“, aber was heißt das? Wie ich das definiere, ist anders, als du das definierst, Sebastian. Also mal gucken. Wenn wir an die Grenzen kommen, dann wird es schwierig. Aber ich würde schon sagen: Ja, genau, es braucht diese eine Mission.
38:10Haltung einer Plattform und Bedarf an Vernetzung
Sebastian Esser: Das ist super interessant. Ich kann vielleicht kurz über Steady reden, weil wir mit ähnlichen Themen zu tun haben. Im Grunde sind wir erst einmal inhaltlich eine leere Plattform. Zumindest wollten wir so sein, haben aber gemerkt, dass wir es nicht sind und eigentlich auch nicht sein wollen. Wir hatten zum Teil Kunden, die wir einfach nicht haben wollten, und da mussten wir einsehen, dass es keine gute Idee war zu versuchen, das auszuhalten, nur um dem Prinzip, jeder kann sagen, was er will, irgendwie gerecht zu werden. Darüber sind wir hinweg. Auf der anderen Seite ist das eine Spannung. Es geht uns als Steady ja überhaupt nichts an, was ihr als Publisher publiziert; das ist eine Sache zwischen euch und euren Mitgliedern. Sich da zu positionieren, da ist im Moment alles unklar, finde ich. Früher war das natürlich sehr viel einfacher und übersichtlicher, und das muss sich irgendwie neu zurechtruckeln. Insofern verstehe ich auch dein gewisses … Es ist im Moment noch ein Herumtasten, ich glaube, auf der ganzen Welt, soweit man das beurteilen kann. Aber super interessant. Eben hatten sich mehrere Leute entmutet, habe ich beobachtet, und dann haben sie nichts gesagt. Stefanie, genau.
Teilnehmerin: Dann sage ich vielleicht einfach … Ich weiß auch nicht, wie das konkret aussieht, was du meintest. Aber ich habe das Gefühl, dass es da einen riesengroßen Bedarf gibt. Ich bin jetzt konkret in diesem YouTube-Creator-Programm für unabhängige Journalisten, weil die gesagt haben: Wir haben die Öffentlich-Rechtlichen, wir haben die Sender, wir haben Funk, aber was uns noch fehlt, ist, diese kleinen Journalisten noch mehr zu fördern. Die vier Leute, die da jetzt aus Deutschland drin sind, das ist auch überhaupt nicht groß. Aber die sagen auch: Die Funk-Formate verweisen immer gegenseitig aufeinander, und eigentlich bräuchte es das auch bei den Unabhängigen, dass sie aufeinander verweisen. Das ist noch völlig unorganisiert. Deshalb bin ich total dankbar für deine Initiative und schreibe dich wirklich noch einmal an, weil ich glaube, da gibt es einen Riesenbedarf.
Esra Karakaya: Bitte, ich freue mich drauf.
Sebastian Esser: Super, vielen Dank. Ich würde jetzt den offiziellen Teil dieser Veranstaltung beenden. Das bedeutet, ich stelle die Aufnahme ab, und ab gleich könnt ihr alle das sagen, was nicht aufgezeichnet gehört. Vielen Dank schon einmal, Esra, bis hierhin. Du bleibst ja noch ein bisschen da, aber ich beende erst einmal diese Aufnahme. Ich fand es super inspirierend, und ich hoffe, da kommt noch viel. Es klingt auch so, als ob das überhaupt nicht zu verhindern sein wird. Insofern ist es super. Danke, Esra, danke für die …